Die feinstoffliche Physiologie
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Der Mensch ist mit seinem Ego ständig in mehr oder weniger intensiver Weise am kämpfen und mit anderen Mitmenschen durch diesen Kampf auch karmisch verbunden. Die erste Abbildung zeigt zwei typische Menschen, die ihr Leben damit verbringen, sich so miteinander auseinander zu setzen, wie es auf diesem Planeten meist üblich ist - nach dem Motto "wie du mir - so ich dir". Zwar gibt es - angedeutet durch die dünneren Verbindungen in anderer Richtung - auch Streitereien und Karma mit anderen Personen, aber es gibt auch meist ein dominierendes Karma zu einem gegebenen Zeitpunkt. Sozusagen einen oder mehrere "Lieblingsfeinde" mit denen man überwiegend im Konflikt steht.
Wenn keiner der betroffenen weiser wird, können solche Situationen Tausende und mehr Jahre über viele Inkarnationen hinweg andauern. Dabei ist die Lösung ganz einfach. Gleich und gleich gesellt sich gern, sagt der Volksmund.
Gleiches zieht sich auf Grund des Magnetismus der verschiedenen Neigungen und Veranlagungen an. Also ist das äussere mit dem ich streite an erster Stelle ein von GOTT gesandter "Spiegel", der mir meine eigenen Schwächen und Eigenschaften aktiv widerspiegelt. Wenn wir also anfangen nur und ausschliesslich an uns selbst zu arbeiten, statt uns an andere zu wenden mit unseren Aggressionen, dann lösen sich auch alle Konflikte im Äusseren schnell in Liebe auf. Im folgenden wird dies genauer erläutert.
Die X - förmigen dunklen Strukturen in der Aura der beiden obigen Menschen stehen stellvertretend für die Dinge des Lebens, die man dem anderen "vorwirft" oder "nachträgt", sowie für allerlei Ängste und sonstiger spiritueller Blockaden. Es ist all dieses vorgeworfene und nachgetragene, das immer wieder zu neuen Konflikten führt, bzw. alte Konflikte zum auffrischen oder eskalieren bringt. Sind diese Energiestrukturen erst einmal in Liebe aufgelöst, herrscht Frieden und Harmonie zwischen den Betroffenen.
Fangen wir jetzt an diese nach aussen gerichtete Aggressionen immer mehr zu kontrollieren, indem wir beginnen uns zu zügeln. Unsere Aufmerksamkeit immer mehr auf das schöne und liebenswerte im Leben zu richten. Wir erinnern uns: Das worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, steht in einer energetischen Verbindung mit uns und erfüllt uns nach und nach. Wenn wir also unsere Aufmerksamkeit vom Objekt der Disharmonie zurückziehen und auf etwas liebevolles richten, so erfüllt mehr und mehr Liebevolles unser Bewusstsein. Der Magnetismus der unsere Aufmerksamkeit in die Richtung eines vermeintlichen Streitobjektes ziehen will, wird zunehmend schwächer.
Dies ist ein kontinuierlicher Prozess der in der unten stehenden Grafik dargestellt ist. In den Stufen 1. bis 3. wird die Ablenkung nach aussen bewusst kontrolliert und stetig abgeschwächt. Wenn wir zur Ruhe gekommen sind, dann sind wir so frei, uns dem letzten und wichtigsten Teil - unten als 4. Stufe dargestellt - zu widmen. Dem Auflösen dessen, was wir anderen nachtragen und vorwerfen.
Bevor der 4. Entwicklungsschritt oben beginnt, sollten wir uns ganz sachlich und logisch die spirituellen Gesetze verinnerlichen. Solange WIR streiten, wird auch immer jemand da sein der MIT UNS streitet. Es braucht jedoch für JEDEN Streit immer mindestens 2 Parteien aus wenigstens je 1 Person - mit Ausnahme der Konflikte mit der eigenen Person, aber dies ist ein besonderes Thema, das zu einem späteren Zeitpunkt abgehandelt wird. Wenn eine der beiden streitenden Parteien aufhört, kann die andere nie streiten, oder sie sucht sich einen neuen "Partner", um das Spiel fortzusetzen. Letzteres jedoch ist dann die Lektion der noch verbleibenden Seelen.
Wollen wir aber ewig nur streiten, in Gedanken, in unserer Phantasie oder in Handlungen ?? Wohl kaum !! Die Natur des Menschen ist Liebe und so sehnt sich doch ein jeder nur nach Liebe, meist ohne jedoch zu wissen, wie der kürzeste Weg in diesen Zustand des allgemeinen vollkommenen Liebens zu finden und gehen ist.
Jetzt kommt die eigentlich grosse Lebensaufgabe auf uns zu. Es ist leicht, andere körperlich oder vor Gericht zu besiegen, Länder zu überrollen und besetzen, ... u.s.w. Der grösste Sieg jedoch ist unser Sieg über unser Ego. Unsere Kampfbereitschaft, unsere Ängste, ... aufzulösen und der Fähigkeit zu lieben Platz zu machen.
Jetzt haben wir einen Zustand erreicht, der uns viel Energie sparen hilft. Energie, die wir zuvor dem Kampf gewidmet haben. Diese Energie wird jetzt frei und wir wenden uns in diesem Stadium der Bewusstseins-Entwicklung an die Quelle allen Seins und aller Liebe - an GOTT. Wir denken an GOTT und bitten um Hilfe, wann immer ein Objekt des Streits, der Angst, Trauer, Hilflosigkeit, ... in unser Bewusstsein - unser Leben - tritt. Wir bitten um Gnade, Liebe, Vergebung. Und unsere Bitten werden mit absoluter Gewissheit erhört. Wenn wir ehrlich bereit sind, alle Konflikte innerer und äusserer Natur in Liebe zu klären, dann strömt wie im unten stehenden Bild dargestellt, göttliche Liebe und Gnade in unsere Aura, in unser ganzheitliches Wesen.
Die Liebe GOTTES ist vergleichbar mit der Sonne auf der physischen Ebene. Unsere Probleme und Konflikte, die ihre Spuren in unserer Aura hinterlassen haben, sind vergleichbar mit verschiedenen irdischen Materialien. Die Sonne hat eine unvorstellbar hohe Temperatur, in der alle physischen Elemente und Legierungen augenblicklich verdampfen. Die Sonne hat eine sehr hohe Schwingung im Vergleich zur Erde. Deshalb ist sie in der Lage, alle irdischen Materialien in eine höhere Schwingung zu versetzen und somit in gewissem Sinne zu "dematerialisieren".
Das gleiche geschieht in uns selbst. Göttliche Liebe, zu der wir alle auf Grund unserer göttlichen Herkunft eine direkte Verbindung über unsere innewohnende Seele haben, hat eine extrem hohe Schwingung in Relation zu allen Schwingungen des Egos.
Wir stellen uns vor, dass wir unser ganzes Ego, unsere ganze Persönlichkeit vom Licht göttlicher Liebe erfüllen lassen. Alle Bereiche unserer Persönlichkeit, ebenso alle Bereiche früherer Inkarnationen, auch längst vergessene !!
Wir schenken einfach alles GOTT, der uns geschaffen. Wir sind ein Teil seiner Schöpfung, ebenso alle unsere Probleme und Prüfungen ein Teil seiner Schöpfung sind. Da wir nun ja gelernt haben, nur noch lieben zu wollen in allen Situationen, ergibt sich keinerlei Notwendigkeit, weiterhin mit lieblosen Situationen konfrontiert zu werden.
Stück um Stück, so wie uns die verschiedenen Situationen bewusst werden, hüllen wir diese Situationen, die ja nur als Strukturen in unserer eigenen Aura existieren, in das Licht göttlicher Liebe. Wie ein Laserstrahl mit immenser Kraft und Hitze trifft diese Liebe auf das Objekt, das wir in Liebe auflösen wollen. Es wird, gleich den irdischen Materialien in der Sonne, alles in seiner Schwingung erhöht und wieder in die Urform der Materie zurück verwandelt - in göttliche Liebe.
Wir wenden uns an GOTT und werden somit von seiner Liebe und seinem Heiligen Geist soweit erfüllt, bis wir selbst dazu geworden sind. Alles andere ist im Laufe dieser Entwicklung in Liebe aufgelöst.
Übrig bleibt eine im Feuer göttlicher Liebe gereinigte Seele, die auch vorübergehend in einem physischen Körper wohnend, immer noch in vollkommener Göttlichkeit erfüllt ist und in Liebe erstrahlt.
Es bedarf allergrösster und vollkommener Liebesbereitschaft, keinerlei Techniken im eigentlichen Sinne, sondern eine vollkommene Bereitschaft zu Lieben, mit GOTT eins zu sein, und alles auf vollkommen göttliche Weise in Liebe aufzulösen.
Jeder hat die Fähigkeit dazu, aber nur einige mögen die Veranlagung dazu haben, auf diese Weise spirituelle Fortschritte zu machen und Befreiung der Seele zu erlangen. Deswegen hat GOTT viele Wege geschaffen auf denen die unterschiedlichsten Seelen wieder ihren Weg nach Hause finden werden.
Möge das Feuer göttlicher Liebe in deiner Seele auch dir deinen Weg zeigen.
Der Beste Weg ist der, den du zu Ende gehst.
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Donnerstag, September 2
in aller stille - vers. sturz durch alle spiegel
Ich bin nicht Stiller! – Tag für Tag, seit meiner Einlieferung in dieses Gefängnis, das noch zu beschreiben sein wird, sage ich es, schwöre ich es und fordere Whisky, ansonst ich jede weitere Aussage verweigere. Denn ohne Whisky, ich hab's ja erfahren, bin ich nicht ich selbst, sondern neige dazu, allen möglichen guten Einflüssen zu erliegen und eine Rolle zu spielen, die ihnen so passen möchte, aber nichts mit mir zu tun hat, und da es jetzt in meiner unsinnigen Lage (sie halten mich für einen verschollenen Bürger ihres Städtchens!) einzig und allein darum geht, mich nicht beschwatzen zu lassen und auf der Hut zu sein gegenüber allen ihren freundlichen Versuchen, mich in eine fremde Haut zu stecken, unbestechlich zu sein bis zur Grobheit, ich sage: da es jetzt einzig und allein darum geht, niemand anders zu sein als der Mensch, der ich in Wahrheit leider bin ...
So beginnt der Roman.
Ein Mann wird bei der Einreise in die Schweiz am Bahnhof verhaftet. Er war mit dem Schiff aus Mexiko gekommen und dann mit dem Zug über Paris weitergereist. Er heiße White, behauptet er. (Der amerikanische Pass, den er vorlegt – so stellt sich später heraus –, ist gefälscht.) Aber ein Mitreisender im Zug will in ihm den Schweizer Bildhauer Anatol Ludwig Stiller erkannt haben, der vor sechs Jahren seine lungenkranke Frau in einem Sanatorium in Davos zurückließ und spurlos verschwand. Damals war die Polizei einem sowjetischen Agenten namens Smyrnow auf der Spur, der die Ermordung eines Exkommunisten in der Schweiz vorbereitete. Die Ermittler fanden heraus, dass Smyrnow sich am 18. Januar 1946 in Zürich mit einem Helfer getroffen hatte, den man den "Schweizer" nannte, und als kurz darauf bekannt wurde, dass Stiller verschwunden war, geriet er in Verdacht, dieser einheimische Mittelsmann Smyrnows gewesen zu sein.
Meine Zelle ... ist klein wie alles in diesem Land, sauber, sodass man kaum atmen kann vor Hygiene, und beklemmend gerade dadurch, dass alles recht, angemessen und genügend ist. Nicht weniger und nicht mehr! ... Sogar die Gitterstäbe werden hierzulande abgestaubt.
Der Häftling, der versichert, nicht Stiller zu sein, beschwert sich bei seinem Verteidiger Dr. Bohnenblust über das Glockenläuten.
"Ich habe mich bemüht", sagt mein amtlicher Verteidiger, "Ihre hoffentlich kurze Zeit in der Untersuchungshaft so angenehm wie möglich zu gestalten – Whisky ist nicht gestattet! – Sie haben die beste Zelle im ganzen Haus, glauben Sie mir, nicht die größte, aber die einzige mit Morgensonne; Sie haben diesen Blick in die alten Kastanien. Was das Geläute vom Münster betrifft - es ist sehr laut, ich gebe es zu; aber was erwarten Sie denn von mir! Ich kann doch das Münster nicht anderswohin stellen!"
Der Verteidiger nennt den Häftling unbeirrt "Stiller"; nur der gutmütige Wachbeamte Knobel spricht ihn mit dem Namen "White" an und hört sich gebannt an, was dieser ihm erzählt. White behauptet, seine Frau ermordet zu haben, dann einen Direktor namens Schmitz im Dschungel auf Jamaika und schließlich den eifersüchtigen Mann einer Mulattin, die seine Geliebte war.
Mit Fakten aus Büchern, die er sich aus der Stadtbibliothek besorgt hat, versucht Dr. Bohnenblust die Aussagen seines Mandanten über dessen Leben in den USA und in Mexiko zu widerlegen. Ohnehin könne der Häftling die geschilderten Einzelheiten Büchern oder Medienberichten entnommen haben.
Wir leben in einem Zeitalter der Reproduktion. Das allermeiste in unserem persönlichen Weltbild haben wir nie mit eigenen Augen erfahren, genauer: wohl mit eigenen Augen, doch nicht an Ort und Stelle; wir sind Fernseher, Fernhörer, Fernwisser.
Bohnenblust holt Auskünfte ein und findet heraus, dass auf der angegebenen mexikanischen Hazienda nie ein Schweizer Staatsbürger beschäftigt war. "Bitte", sagt White, "da haben Sie es ja!" Er kann also nicht der gesuchte Stiller sein!
Als ihm der Verteidiger den Besuch von Julika Stiller-Tschudy ankündigt, Stillers Ehefrau, warnt ihn der Häftling:
"Herr Doktor", sage ich, "ich habe nichts gegen den Besuch von Damen, ich wiederhole nur meine Warnung von neulich: ich bin ein sinnlicher Mensch, hemmungslos, wie gesagt, vor allem in dieser Jahreszeit."
"Ich sagte es ihr.""Und?"
"Die Dame besteht darauf", sagt er, "Sie unter vier Augen zu sprechen. Montag um zehn Uhr wird sie hier sein. Sie ist überzeugt, ihren Mann etwas besser zu kennen, als er sich selber kennt, und von Hemmunslosigkeit, meint die Dame, könne nicht die Rede sein, das sei von jeher ein Wunschtraum ihres Mannes gewesen, sagt die Dame und ist gewiss, allein mit Ihnen fertig zu werden."
Er findet Julika Stiller-Tschudy sehr attraktiv.
Er findet Julika Stiller-Tschudy sehr attraktiv.
Ihre fixe Idee, dass ich ihr verschollener Mann sei, ist durchaus nicht gespielt.
Er bleibt aber dabei, nicht Stiller zu sein, und sie stöhnt über seine "Hirngespinste":
Sie dreht den Spieß einfach um – tut, als läge die fixe Idee bei mir.
Ein paar Tage später erscheint der Verteidiger triumphierend mit einem Familienalbum, das er von Stillers Bruder Wilfried erhalten hat, und der Angeklagte muss zugeben, dass zwischen ihm und diesem Stiller eine gewisse Ähnlichkeit besteht.
Nachdem Julika Stiller-Tschudy eine Kaution hinterlegt hat, darf der Untersuchungshäftling sie einmal pro Woche auf einem Spaziergang oder in ein Restaurant begleiten. Bei einem dieser Ausflüge bleibt er mitten auf einem Zebrastreifen stehen. Sie nimmt ihm am Arm, "verzagt wie über einen störrischen Esel", aber er möchte wissen, wo es Whisky gibt.
Schon schwirren die Motorroller links und rechts an uns vorbei, ein Taxi hupt mich an, dann überdröhnt uns ein Lastwagen mit Anhänger, und Julika ist bleich wie Kreide, obzwar wir nun wieder das grüne Licht haben. Ein fremder Fußgänger, dem ich nichts getan habe, beschimpft mich mit Ausdrücken moralischer Entrüstung, als wäre es in einem Land, das sich täglich seiner Freiheiten rühmt, nicht statthaft, das eigene Leben aufs Spiel zu setzen.
In Schreibheften, die man dem Häftling zur Verfügung stellt, soll er Auskunft über seinen Lebensweg geben. Er folgt der Aufforderung, argwöhnt jedoch, der Verteidiger hoffe, mit den Heften "sozusagen mein Leben in seine Aktenmappe stecken" zu können. Zum Zeitvertreib beginnt er seine Aufzeichnungen damit, sich aufgrund von Julikas Erzählungen ihr Leben mit Stiller vorzustellen.
Julikas Mutter war Ungarin, der Vater Gesandter in Budapest. Mit 18 wurde sie Waise. Fünf Jahre später lernte sie Stiller kennen. Der kam damals aus dem Spanischen Bürgerkrieg zurück, an dem er sich als Freiwilliger in den Internationalen Brigaden beteiligt hatte. Aufgrund eines Erlebnisses im Bürgerkrieg hielt er sich für einen Versager: Es war ihm unmöglich gewesen, drei Gegner zu erschießen, weil er sie plötzlich nicht als Feinde, sondern einfach als Menschen betrachtet hatte. (Später sagt jemand zu Stiller: "Aber vielleicht hast du dich als jemand bewähren wollen, der du gar nicht bist.") Julika war Balletttänzerin, ein unscheinbares, frigides Mädchen, das nur aufblühte, wenn es auf der Bühne tanzte.
Wie ein Meertier, das nur unter Wasser zu seinem Farbwunder gelangt, hatte auch Julika ihre geisterhafte Schönheit nur im Tanz, vor allem im Tanz; nachher war sie müde.
Julika und Stiller heirateten nach einem Jahr.
Sie brauchten einander von ihrer Angst her. Ob zu Recht oder Unrecht, jedenfalls hatte die schöne Julika eine heimliche Angst, keine Frau zu sein. Und auch Stiller, scheint es, stand damals unter einer steten Angst, in irgendeinem Sinn nicht zu genügen ...
Weil Stiller nur hin und wieder etwas von seinen Kunstwerken verkaufte, lebten sie im Wesentlichen von Julikas Gage. In dieser finanziellen Lage kamen Kinder für sie nicht in Frage. Stiller kümmerte sich rührend um seine Frau: Wenn während einer Ballettprobe das Wetter umschlug, wartete er am Bühnenausgang mit Schal, Mantel und Schirm auf sie. Aber er kam sich in ihrer Gegenwart immer vor "wie ein öliger, verschwitzter, stinkiger Fischer mit einer kristallenen Wasserfee".
Vor sieben Jahren hatte Stiller ein Verhältnis mit einer Frau namens Sibylle. Julika erkrankte an Tuberkulose und musste in ein Sanatorium in Davos. Ihr Mann besuchte sie dort nur dreimal. Beim letzten Besuch sagte er ihr, dass er sich von Sibylle getrennt habe. Sie dachten darüber nach, warum ihre Ehe gescheitert war. Stiller meinte:
"Eine gewöhnliche Geliebte zu haben, verstehst du, so ein gesundes und durchschnittliches Mädchen, das umarmt sein will und selber umarmen kann, nein, davor hatte ich Angst. Überhaupt war ich ja voll Angst! Ich machte dich zu meiner Bewährungsprobe. Und darum konnte ich dich auch nicht verlassen. Dich zum Blühen zu bringen, eine Aufgabe, die niemand sonst übernommen hatte, das war mein schlichter Wahnsinn. Dich zum Blühen zu bringen! Dafür machte ich mich verantwortlich – und dich machte ich krank, versteht sich, denn wozu solltest du gesund werden mit einem solchen Mann; die Angst, dass du an meiner Seite umglücklich würdest, fesselte mich ja stärker als irgendeine Art von Glück, die du zu geben hast." ...
"So also siehst du mich!", sagte Julika. "Du hast dir nun einmal ein Bildnis von mir gemacht, das merke ich schon, ein fertiges und endgültiges Bildnis, und damit Schluss. Anders als so, ich spüre es ja, willst du mich jetzt einfach nicht mehr sehen. ... Du sollst dir kein Bildnis machen! Jedes Bildnis ist eine Sünde. Es ist genau das Gegenteil von Liebe ... Wenn man einen Menschen liebt, so lässt man ihm doch jede Möglichkeit offen und ist trotz allen Erinnerungen einfach bereit, zu staunen, immer wieder zu staunen, wie anders er ist, wie verschiedenartig und nicht einfach so, nicht ein fertiges Bildnis, wie du es dir da machst von deiner Julika." Stiller ließ seine Frau im Sanatorium zurück und verschwand. "Wahrscheinlich hat es den Mann, den sie sucht, gar nicht gegeben", räsoniert der Häftling.
Den Äußerungen des Staatsanwalts entnimmt der Häftling, dass es sich um den Ehemann von Stillers Geliebter handelt. Der jetzt 45-Jährige hat Stiller allerdings nie gesehen, nur einmal einen Anruf von ihm entgegengenommen.
Sibylle und Stiller lernten sich vor sieben Jahren auf einem Künstler-Maskenball kennen. Stiller war als "kreuzfideler Pierrot" verkleidet. Die damals 28-jährige Sibylle verliebte sich in ihn. Ihr Ehemann Rolf reagierte erstaunlich gelassen, als sie ihm gestand, ein Verhältnis zu haben. Er verdächtigte allerdings nicht Stiller – den er gar nicht kannte –, sondern den mit Sibylle etwa gleichaltrigen Architekten Willi Sturzenegger, der gerade ihr neues Haus baute. Auch als Sibylle ihm ankündigte, sie werde mit ihrem Geliebten für einige Zeit nach Paris gehen, meinte er ruhig, sie müsse tun, was sie für richtig halte. Sibylle begleitete Stiller dann doch nicht nach Paris. Stattdessen fuhr sie in eine Schweizer Klinik, um den von ihm gezeugten Fetus abzutreiben. In dieser Woche rief Stiller aus Paris an und wollte von Rolf wissen, wo Sibylle zu finden sei.
Er traf sich noch einmal mit Sibylle in Pontresina, um ihr zu berichten, er habe sich von seiner Frau getrennt. Aber danach sahen sie sich nicht mehr.
Sibylle reiste mit ihrem Sohn Hannes in die USA. Sturzenegger hatte inzwischen ein Architekturbüro in Kalifornien eröffnet und traf sich mit ihr in New York, weil er eine Sekretärin suchte. Aber Sibylle nahm eine Stelle in einem anderen Büro in New York an. Da tauchte Rolf dann eines Tages auf und holte sie zurück. Jetzt erwartet sie gerade eine Tochter.
Nach und nach besuchen frühere Freunde Stillers den Häftling, aber er kennt niemanden von ihnen. Schließlich kommt auch sein fünf Jahre jüngerer Bruder Wilfried. Der spricht von der vor vier Jahren gestorbenen Mutter.
Seine Mutter war ordentlich streng, scheint es, meine ja gar nicht. ... Es ist komisch, wie verschieden Mütter sein können!
Bei einem Lokaltermin in Stillers Atelier sind außer dem Angeklagten dessen Verteidiger, der Staatsanwalt, der Wachbeamte Knobel und Julika zugegen. Plötzlich wird Stillers seniler Stiefvater hereingeführt, den man für die Gegenüberstellung eigens aus dem Altersheim holte.
Ich rechne es Julika hoch an, dass sie in dem Augenblick, als man das Greislein aus dem Altersasyl hereinführt, wenigstens errötet wie eine Gattin, wenn die bestellten Irrenwärter mit der Zwangsjacke in die Wohnung kommen.
Stiller fällt kurz aus der Rolle: "Ich weine, als ich ihn erkenne." Dann aber leugnet er, den alten Mann zu kennen und fängt an, die Einrichtung des Ateliers zu zerschlagen und die Bronzebüsten aus dem Fenster zu werfen; sie poltern auf das Wellblechdach der Werkstatt darunter.
Bei der Gerichtsverhandlung wird er von dem Verdacht freigesprochen, mit Smyrnow in Kontakt gestanden zu sein, weil der Staatsanwalt nachweisen kann, dass Stiller am 18. Januar 1946 bereits bei einem tschechischen Bekannten in New York wohnte. Allerdings stellt das Gericht fest, dass es sich bei dem Angeklagten um niemand anderes als Anatol Ludwig Stiller handelt, und verurteilt ihn wegen einer Reihe nicht erfüllter Bürgerpflichten zur einer Geldstrafe (die sein Bruder bezahlt).
Stiller beendet seine Aufzeichnungen. Aus einem Nachwort des Staatsanwalts erfahren wir, dass Stiller sich mit seiner Frau Julika in ein heruntergekommenes Anwesen bei Glion zurückzog. Als Rolf das Paar dort nach einiger Zeit besuchte, verriet ihm Julika, dass ihr linker Lungenflügel entfernt werden müsse und nahm ihm das Versprechen ab, Stiller nichts davon zu sagen. Monate vergingen. Dann nützten Rolf und Sibylle die Gelegenheit einer Durchreise zu einem Besuch. Es war niemand zu Hause. Nach stundenlangem Warten erschien Stiller und entschuldigte sich, weil er den angekündigten Besuch vergessen hatte. Er kam aus einem Krankenhaus. Julika war gerade operiert worden. In der Nacht unterhielt sich Rolf mit dem stark betrunkenen Stiller.
"Diese Frau hat dich nie zu ihrer Lebensaufgabe gemacht. Nur du hast so etwas aus ihr gemacht, glaube ich, von allem Anfang an. Du als ihr Erlöser, ich sagte es schon, du wolltest es sein, der ihr das Leben gibt und die Freude. Du! In diesem Sinn hast du sie geliebt, gewiss, bis zum eignen Verbluten. Sie als dein Geschöpf."
Julika starb am nächsten Tag.
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