
Parzivâl, im 9. Jahrhundert von seiner Mutter Herzeloide in der Einsamkeit des Waldes vor dem Leben beschützt, wächst in kindlicher Unbefangenheit als „ reiner Tor“ heran. Er will Ritter werden, um Menschen zu helfen. Doch erst als er seine Verfehlungen – das Verlassen und der Tod der Mutter, das Versagen auf der Gralsburg – einsieht, kann er den König Amfortas von dem Leid seiner offenen Wunde erlösen. Er hat seinen Zweifel und seine Schuld in Erkenntnis- und Liebeskräfte verwandelt. Parzivâl wurde „durch Mitleid wissend“ und übernimmt das Amt des Gralshüters.
Handlung
Parzivals Erziehung zum Ritter und seine Suche nach dem Gral ist zwar – wie der Erzähler mehrfach betont – Hauptthema der Handlung, fast gleichwertig aber verfolgt Wolfram kontrastierend die Ritterfahrt Gawans. Während Gawan durchgängig als der geradezu vollkommene Ritter auftritt und sich in zahlreichen Abenteuern immer erfolgreich darin bewährt, die Schuldigen an Missständen der Weltordnung zur Verantwortung zu ziehen und diese Ordnung zu restituieren, durchlebt Parzival neben Abenteuern auch extreme persönliche Konfliktsituationen und wird – aus Unkenntnis oder aufgrund von Fehlinterpretationen von Aussagen und Situationen – immer wieder selbst schuldig. Doch gerade er, der über lange Jahre hinweg die Folgen seines Fehlverhaltens ertragen muss, erlangt am Ende die Gralsherrschaft. Das Epos endet mit einem Ausblick auf die Geschichte von Parzivals Sohn Loherangrin.
Alles, was im Umkreis der Planeten ist und was ihr Glanz bescheint, ist Dir zu erreichen und zu erwerben bestimmt. Dein Schmerz muss nun vergehen. Nur allein das gierige Ungenügen schließt Dich aus der Gemeinschaft aus, denn der Gral und des Grales Kraft verbieten Dir unaufrichtige Freundschaft. Du hattest Dir in der Jugend die Sorge großgezogen, aber die nahende Freude hat sie um ihre Hoffnung gebracht. Du hast der Seele Ruh’ erstritten und des Lebens Freude in Sorgen erharrt.
Kurt Weill (1900-1950)
Die sieben Todsünden
Allgemeine Angaben zum Ballett:
Titel: Die sieben Todsünden
Titel (englisch): The Seven Deadly Sins
Titel (französisch): Les sept péchés capitaux
Entstehungszeit: 1933
Uraufführung: 7. Juni 1933 in Paris (Théâtre des Champs Elysées)
Besetzung: Sänger (STTBarB), Tänzer und Orchester
Spieldauer: ca. 35 Minuten
CD: Die Sieben Todsünden (Hänssler, DDD, 2002)
Weill, Kurt (1900-1950) klassik-heute.com: "Die Sängerin trifft den chansonhaften Ton und hat den Biß, Brechts satirische Spitzen prägnant zu übertragen. Sie vernachlässigt auch die opernhafte Kantilene nicht, wo diese gefordert ist. Immer wieder schlägt die Berliner Kessheit der jungen Silja durch, wie auch die Stimme noch immer frisch klingt."
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Personen: Anna I: (Sopran), Anna II, Weitere: die Familie (Vokalquartett, bestehend aus 2 Tenören, Bariton, Bass)
Zum Ballett: Art: Ballet chanté in neun Szenen, Libretto: Bertolt Brecht, Ort: USA, Zeit: 19. Jahrhundert
Handlung: Anna ist schizophren und bildet sich ein, in einer Person doppelt zu existieren. Beide führen angespannte Dialoge miteinander. Trotz aller Rivalität haben beide ein gemeinsames Ziel. Der Familie soll es gut gehen, und deshalb reist die Zweifaltigkeit durch die Vereinigten Staaten, um Geld zu verdienen. Ihr Ziel, dem sie entgegenfiebern, ist der Kauf eines kleinen Hauses in Louisiana. Der Weg ist dornenreich, Schandtat und Sünde lassen sich weder auseinanderhalten, noch vermeiden. Der habgierigen Familie geht es nicht schnell genug, und die vier zu Hause beklagen Annas Faulheit.
Dem Zuschauer muss erklärt werden, wie die Doppelexistenz von Anna I und Anna II bühnentechnisch zelebriert wird. Es gibt eine singende und eine tanzende Anna; die Attribute einer Person sind auf zwei Darsteller verteilt. Die akustischen Informationen von Anna I und Anna II kommen als Dialog aus einem Mund. Anna ist also doppelzüngig.
Die Sünden, welche von der Protagonistin begangen werden müssen, um endlich ans Häuschen zu gelangen, sind:
FAULHEIT – STOLZ – ZORN – VÖLLEREI – UNZUCHT – HABSUCHT – NEID
Die Belegung mit dem kirchlichen Begriff der Todsünde, begangen in sieben unterschiedlichen Städten der Vereinigten Staaten, leuchtet nicht immer ein. Man kann die Verfehlungen nicht einmal als schwerwiegend bezeichnen.
Erste Sünde:
Anna I fotografiert Anna II, wie diese im Park Männer in pikante Situationen bringt, um für die Fotos Geld zu kassieren. Anna II ist der Sache schnell überdrüssig und schläft auf der Parkbank ein. Gerügt wird die Müdigkeit, nicht die Nötigung.
Zweite Sünde:
Die leichtfertige Anna II tanzt in einem Kabarett in Memphis und wird von der nörgelnden Anna I fertiggemacht, die ihre Darbietung als Kunst nicht anerkennen will und ebenso wie das Publikum, langweilig findet. Für frivole Einlagen ist Anna II jedoch nicht zu haben, weil sie dafür zu stolz ist.
Dritte Sünde:
Anna II arbeitet als Statistin in Los Angeles beim Film und regt sich auf, weil ein Pferd misshandelt wird. Sie begibt sich mit ihrer Aufgeregtheit in Opposition zu Anna I, welche die Ansicht vertritt, dass man seinem Chef gehorchen sollte und ihre Empörung unangebracht sei.
Vierte Sünde:
In Philadelphia arbeitet Anna II in einem Kabarett als Akrobatin. Eine schlanke Figur ist erforderlich, und Anna I meint, sie muss die Essgewohnheiten von Anna II kontrollieren und nimmt ihr die Süßigkeiten weg.
Fünfte Sünde:
Anna II hat sich in Boston einen noblen Herrn gesucht, der für gewährte Gunst bezahlen muss. Der Sinn steht ihr aber in Wirklichkeit nach einem jungen Mann, in den sie verliebt ist. Anna I meint, dass sie auf persönliche Gefühle verzichten soll, denn es zähle nur das Geld, welches man mit der Liebe verdiene, selbst wenn die Handlungsweise unmoralisch ist.
Sechste Sünde:
Anna I passt auf, dass Anna II in Baltimore nicht unnötig Geld ausgibt. Fürs Häuschen soll alles auf den Haufen gelegt werden. Ihre Raffgier nimmt Formen an.
Siebte Sünde:
In San Francisco beneidet Anna II die hübsch und gutaussehenden jungen Menschen. Prinzipiell widerspricht Anna I und urteilt, dass Schönheit vergänglich sei. Sie soll doch einmal in den Spiegel schauen.
Nach sieben Jahren ist das Geld für das Haus in Louisiana zusammen und die verlogene Familie ist zufrieden. Ihr ist es völlig egal, wenn die Moral der Tochter und Schwester zeitweise auf der Strecke geblieben ist.
Beschreibung:
In überstürzter Flucht vor dem Regime hat sich Kurt Weill im Jahre 1933 nach Paris begeben und genoss dort die Protektion der Prinzessin de Polignac und der Vicomtesse de Noailles. Die Ballettmusik über die sieben Todsünden war die letzte Gemeinschaftsarbeit mit Berthold Brecht im Stil des Berliner Theaters. Der Erfolg der Uraufführung war wider Erwarten mäßig. Serge Lifar beurteilte das Stück abfällig. Dem Rhythmus der Sprache, dem Spott, der beißenden Satire waren die Menschen offenbar nicht geneigt sich zu stellen. Alles ein bisschen zu „entartet“, um daran Gefallen finden zu können.
In heutiger Zeit haben sich Sängerinnen wie Brigitte Fassbaender und Julia Migenes des Balletts mit Gesang angenommen und ihm jenseits aller traditioneller Strukturen den ehrenvollen Platz zugewiesen, den es verdient. Die Partie der Mutter wird „en travesti“ von einem Bass gesungen.
Wollust, Zorn, Neid, Völlerei, Hochmut, Trägheit und Habgier – menschliche Schwächen, die die Kirche schon im Mittelalter als Todsünden brandmarkte. Generationen von Gläubigen wurden Schuldgefühle eingeimpft, die Angst vor ewiger Verdammnis garantierte Gehorsamkeit und Unterwerfung. Die Zeiten haben sich geändert. ‚Sünde‘ gilt heute als Anti-Wort, Moral als Herrschaftsinstrument. ‚Freiheit‘ und ‚Individualität‘ sind die Zauberworte seit der Aufklärung. Dass uns die Abkehr von traditionellen Werten nicht nur befreite, sondern auch eine große Leere hinterließ, ist allseits bekannt: Geiz ist jetzt geil, Jugendliche verprügeln Alte und Investmentbanker verzocken die Anlagen ihrer Kunden. Die sieben Sünden als moralisches Konstrukt – müssen wir neu darüber nachdenken? Oder brauchen wir eine ganz andere Ethik? Wie wollen wir leben? Was ist die Zukunft unserer Gesellschaft?