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Samstag, Februar 5

je veux

QUIERO - Ich will....

Ich will, dass du mir zuhörst, ohne über mich zu urteilen.
Ich will, dass du mir vertraust, ohne mir Ratschläge zu erteilen.
Ich will, dass du mir hilfst, ohne für mich zu entscheiden.
Ich will, dass du für mich sorgst, ohne mich zu erdrücken.
Ich will, dass du mich siehst, ohne dich in mir zu sehen.
Ich will, dass du mich umarmst, ohne mich zu erdrücken.
Ich will, dass du mir Mut machst, ohne mich zu bedrängen.
Ich will, dass du mich hältst, ohne mich festzuhalten.
Ich will, dass du mich beschützt, aufrichtig.
Ich will, dass du dich näherst, aber nicht als Eindringling.
Ich will, dass du all das kennst, was dir an mir missfällt,
dass du all das akzeptierst... versuch es nicht zu ändern.
Ich will, dass du weißt, dass du auf mich zählen kannst... Bedingungslos

Émeraude

Die Smaragd Pforte der Erde

in der Stille von Brocéliande liegt die Smaragd Pforte der Erde
Strahl für Strahl fließen die 33 Strahlen durch die Smaragd Pforte der Erde
durch den Goldenen Ringströmen die 33 Strahlen in die Quellen der Erde
durch den Goldenen Ringströmten die 33 Strahlen ins Herz der Liebe
der Atem der Sterne schloß den Kreis und öffnete die Pforte

im Herzen des Lichtes atme ich und führe den Goldenen Ring
im Herzen der Einheit strahlt die Kraft der Wahrheit durch die Smaragd Pforte der Erde

die Strahlen tränken die Quellen der Kraft
die Strahlen strömen in die Herzen derer die bereit sind die Strahlen vereinen
die Smaragd Quellen des Lichtes und schließen die Tore der Dunkelheit

Stilles Licht

im Herzen der Erde im Herzen des Lichtes

Stilles Licht

Der Strahl der Liebe
Der Strahl des Lichtes
Der Strahl der Weisheit
Der Strahl der Stille
Der Strahl der Hingabe
Der Strahl der Freude
Der Strahl der Glückseligkeit
Der Strahl des Gleichmuts
Der Strahl des Mitgefühls
Der Strahl der Achtsamkeit
Der Strahl des Friedens
Der Strahl der Harmonie
Der Strahl der Reinheit
Der Strahl der Hoffnung
Der Strahl der Güte
Der Strahl der Demut
Der Strahl der Gnade
Der Strahl der Schönheit
Der Strahl der Einheit
Der Strahl der Sanftmut
Der Strahl der Wahrhaftigkeit
Der Strahl des Vertrauens
Der Strahl der Transformation
Der Strahl der Heilung
Der Strahl der Allbewußtheit
Der Strahl der Kraft
Der Strahl des Willens
Der Strahl der Macht
Der Strahl des Wissens
Der Strahl der Geduld
Der Strahl der Erkenntnis
Der Strahl der Ewigkeit

Der Strahl des Goldenen Lichtes

mots milles

Tausend Worte

Fremde Sprachen - anders denken
Verstehst Du mich - ich versteh Dich nicht
Es wird soviel geredet - und so wenig gesagt
Zu viele Worte - fühlst Du nicht

Keine Sätze mühsam wählen
Wilde Gedanken nüchtern kleiden
Augen, Herzen, Seelen verraten alles
Keine Chance für Lügen - drum erzähl mir nichts

Wenn uns tausend Worte nichts mehr sagen
Jeder Satz uns nur noch mehr verwirrt
Schließ Deine Augen - keine Fragen
Jetzt spricht eine Seele zu Dir
——- hör gut zu, hör gut zu…….

Reden wäre Silber, wenn man alles versteht
Schweigen ist Gold, wenn ihr fühlt, was ihr wollt, wirklich wollt
Mein Mund bleibt verschlossen, sagt gar nichts mehr
Hat all die Worte satt, die Lippen sind so schwer, viel zu schwer

Wenn uns tausend Worte nichts mehr sagen
Jeder Satz uns nur noch mehr verwirrt
Schließ Deine Augen - keine Fragen
Jetzt spricht eine Seele zu Dir
——- hör gut zu, hör gut zu…….

Wenn uns tausend Worte nichts mehr sagen
Jeder Satz uns nur noch mehr verwirrt
Schließ Deine Augen - keine Fragen
Jetzt spricht eine Seele….

Wenn uns tausend Worte nichts mehr sagen
Und jeder Satz uns nur noch mehr verwirrt
Schließ Deine Augen - keine Fragen
Jetzt spricht eine Seele zu Dir
——- hör gut zu, hör gut zu…….
——- hör gut zu, und hör gut zu…….

rmr

Liebes-Lied

Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Spieler hat uns in der Hand?

O süßes Lied.

Geschrieben März 1907 auf Capri, Rainer Maria Rilke (1875-1926)

mit haut & haar

Ich zog dich aus der Senke deiner Jahre
und tauchte dich in meinen Sommer ein
ich leckte dir die Hand und Haut und Haare
und schwor dir ewig mein und dein zu sein.
Du wendetest mich um. Du branntest mir dein Zeichen
mit sanftem Feuer in das dünne Fell.
Da ließ ich von mir ab. Und schnell
begann ich vor mir selbst zurückzuweichen
und meinem Schwur. Anfangs blieb noch Erinnern
ein schöner Überrest der nach mir rief.
Da aber war ich schon in deinem Innern
vor mir verborgen. Du verbargst mich tief.
Bis ich ganz in dir aufgegangen war:
da spucktest du mich aus mit Haut und Haar.

Freitag, Februar 4

gewiß

In diesem Augenblick erschien der Fuchs.
"Guten Tag", sagte der Fuchs.
"Guten Tag", antwortete höflich der kleine Prinz, der sich umdrehte, aber nichts sah.
"Ich bin da", sagte die Stimme, "unter dem Apfelbaum ..."
"Wer bist du?" sagte der kleine Prinz. "Du bist sehr hübsch ..."
"Ich bin ein Fuchs", sagte der Fuchs.
"Komm und spiel mit mir", schlug ihm der kleine Prinz vor. "Ich bin so traurig ..."
"Ich kann nicht mit dir spielen", sagte der Fuchs. "Ich bin noch nicht gezähmt!"
"Ah, Verzeihung!" sagte der kleine Prinz.
Aber nach einiger Überlegung fügte er hinzu:
"Was bedeutet 'zähmen'?"
"Du bist nicht von hier", sagte der Fuchs, "was suchst du?"
"Ich suche die Menschen", sagte der kleine Prinz. "Was bedeutet zähmen?"
"Die Menschen", sagte der Fuchs, "die haben Gewehre und schießen. Das ist sehr lästig.
Sie ziehen auch Hühner auf. Das ist ihr einziges Interesse. Du suchst Hühner?"
"Nein", sagte der kleine Prinz, "ich suche Freunde. Was heißt 'zähmen'?"
"Zähmen, das ist eine in Vergessenheit geratene Sache", sagte der Fuchs. "Es bedeutet, sich 'vertraut machen'."
"Vertraut machen?"
"Gewiß", sagte der Fuchs. "Noch bist du für mich nichts als ein kleiner Junge,
der hunderttausend kleinen Jungen völlig gleicht. Ich brauche dich nicht,
und du brauchst mich ebensowenig. Ich bin für dich nur ein Fuchs,
der hunderttausend Füchsen gleicht. Aber wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen.
Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde für dich einzig sein in der Welt ..."
"Ich beginne zu verstehen", sagte der kleine Prinz.
"Es gibt eine Blume ... ich glaube, sie hat mich gezähmt ..."
"Das ist möglich", sagte der Fuchs. "man trifft auf der Erde alle möglichen Dinge ..."
"Oh, das ist nicht auf der Erde", sagte der kleine Prinz.
Der Fuchs schien sehr aufgeregt:
"Auf einem anderen Planeten?"
"Ja."
"Gibt es Jäger auf diesem Planeten?"
"Nein."
"Das ist interessant! und Hühner?"
"Nein."
"Nichts ist vollkommen!" seufzte der Fuchs.
Aber der Fuchs kam auf seinen Gedanken zurück:
"Mein Leben ist eintönig. Ich jage Hühner, die Menschen jagen mich.
Alle Hühner gleichen einander, und alle Menschen gleichen einander.
Ich langweile mich also ein wenig.
Aber wenn du mich zähmst, wird mein leben wie durchsonnt sein.
Ich werde den Klang deines Schrittes kennen, der sich von allen anderen unterscheidet.
Die anderen Schritte jagen mich unter die Erde.
Der deine wird mich wie Musik aus dem Bau locken.
Und dann schau! Du siehst da drüben die Weizenfelder?
Ich esse kein Brot. Für mich ist der Weizen zwecklos.
Die Weizenfelder erinnern mich an nichts. und das ist traurig.
Aber du hast weizenblondes Haar.
Oh, es wird wunderbar sein, wenn du mich einmal gezähmt hast!
Das Gold der Weizenfelder wird mich an dich erinnern.
Und ich werde das Rauschen des Windes im Getreide liebgewinnen."
Der Fuchs verstummte und schaute den kleinen Prinzen lange an.
"Bitte ... zähme mich!" sagte er.
"Ich möchte wohl", antwortete der kleine Prinz, "aber ich habe nicht viel Zeit.
Ich muß Freunde finden und viele Dinge kennenlernen."
"Man kennt nur die Dinge, die man zähmt", sagte der Fuchs.
"Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgend etwas kennenzulernen.
Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften.
Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt,
haben die Leute keine Freunde mehr.
Wenn du einen Freund willst, so zähme mich!"
"Was muß ich da tun?" sagte der kleine Prinz.
"Du mußt sehr geduldig sein", antwortete der Fuchs.
"Du setzt dich zuerst ein wenig abseits von mir ins Gras.
Ich werde dich verstohlen, so aus dem Augenwinkel anschauen, und du wirst nichts sagen.
Die Sprache ist die Quelle der Mißverständnisse.
Aber jeden Tag wirst du dich ein bißchen näher setzen können ..."
Am nächsten Morgen kam der kleine Prinz zurück.
"Es wäre besser gewesen, du wärst zur selben Stunde wiedergekommen", sagte der Fuchs.
"Wenn du zum Beispiel um vier Uhr nachmittags kommst, kann ich um drei Uhr anfangen,
glücklich zu sein. Je mehr die Zeit vergeht, um so glücklicher werde ich mich fühlen.
Um vier Uhr werde ich mich schon aufregen und beunruhigen; ich werde erfahren, wie teuer das Glück ist.
Wenn du aber irgendwann kommst, kann ich nie wissen,
wann mein Herz da sein soll ... Es muß feste Bräuche geben."
"Was heißt 'fester Brauch'?" sagte der kleine Prinz.
"Auch etwas in Vergessenheit Geratenes", sagte der Fuchs.
"Es ist das, was einen Tag vom anderen unterscheidet, eine Stunde von den anderen Stunden.
Es gibt zum Beispiel einen Brauch bei meinen Jägern. Sie tanzen am Donnerstag mit den Mädchen des Dorfes.
Daher ist Donnerstag der wunderbare Tag. Ich gehe bis zum Weinberg spazieren.
Wenn die Jäger irgendwann einmal zum Tanz gingen, wären die Tage alle gleich
und ich hätte niemals Ferien."
So machte denn der kleine Prinz den Fuchs mit sich vertraut, und als die Stunde des Abschieds nahe war:
"Ach!" sagte der Fuchs, "ich werde weinen."
"Das ist deine Schuld", sagte der kleine Prinz, "ich wünschte dir nichts Übles, aber du hast gewollt, daß ich dich zähme ..."
"Gewiß", sagte der Fuchs.
"Aber nun wirst du weinen!" sagte der kleine Prinz.
"Bestimmt", sagte der Fuchs.
"So hast du also nichts gewonnen!"
"Ich habe", sagte der Fuchs, " die Farbe des Weizens gewonnen."
Dann fügte er hinzu:
"Geh die Rosen wieder anschauen. Du wirst begreifen, daß die deine einzig ist in der Welt.
Du wirst wiederkommen und mir Adieu sagen, und ich werde dir ein Geheimnis schenken."
Der kleine Prinz ging, die Rosen wiederzusehn.
"Ihr gleicht meiner Rose gar nicht, ihr seid noch nichts", sagte er zu ihnen.
"Niemand hat sich euch vertraut gemacht, und auch ihr habt euch niemandem vertraut gemacht.
Ihr seid, wie mein Fuchs war. Der war nichts als ein Fuchs wie hunderttausend andere.
Aber ich habe ihn zu meinem Freund gemacht, und jetzt ist er einzig in der Welt."
Und die Rosen waren sehr beschämt.
"Ihr seid schön, aber ihr seid leer", sagte er noch. "Man kann für euch nicht sterben.
Gewiß, ein Irgendwer, der vorübergeht, könnte glauben, meine Rose ähnle euch.
Aber in sich selbst ist sie wichtiger als ihr alle,
da sie es ist, die ich begossen habe.
Da sie es ist, die ich unter den Glassturz gestellt habe.
Da sie es ist, die ich mit dem Wandschirm geschützt habe.
Da sie es ist, deren Raupen ich entfernt habe
(außer den zwei oder drei um der Schmetterlinge willen).
Da sie es ist, die ich klagen oder sich rühmen gehört habe
oder auch manchmal schweigen.
Da es meine Rose ist."
Und er kam zum Fuchs zurück.
"Adieu", sagte er ...
"Adieu", sagte der Fuchs.
"Hier mein Geheimnis. Es ist ganz einfach:
Man sieht nur mit dem Herzen gut.
Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."
"Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.",
wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.
"Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wichtig."
"Die Zeit, die ich für meine Rose verloren habe ...",
sagte der kleine Prinz, um es sich zu merken.
"Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen", sagte der Fuchs. "Aber du darfst sie nicht vergessen.
Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.
Du bist für deine Rose verantwortlich ..."
"Ich bin für meine Rose verantwortlich ...",
wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.

meer

Meehr davon

Wenn man ans Meehr kommt
soll man zu schweigen beginnen
bei den letzten Grashalmen
soll man den Faden verlieren

und den Salzschaum
und das scharfe Zischen des Windes
einatmen
und ausatmen
und wieder einatmen

Wenn man den Sand sägen hört
und das Schlurfen der kleinen Steine
in langen Wellen
soll man aufhören zu sollen
und nichts mehr wollen wollen
nur Meehr

Nur Meehr

bewehgung

„Als er siebzig war und war gebrechlich
Drängte es den Lehrer doch nach Ruh
Denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich
Und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu.
Und er gürtete den Schuh.

Und er packte ein, was er so brauchte:
Wenig. Doch es wurde dies und das.
So die Pfeife, die er immer abends rauchte
Und das Büchlein, das er immer las.
Weißbrot nach dem Augenmaß.

Freute sich des Tals noch einmal und vergaß es
Als er ins Gebirg den Weg einschlug.
Und sein Ochse freute sich des frischen Grases
Kauend, während er den Alten trug.
Denn dem ging es schnell genug.

Doch am vierten Tag im Felsgesteine
Hat ein Zöllner ihm den Weg verwehrt:
„Kostbarkeiten zu verzollen?“ – „Keine.“
Und der Knabe, der den Ochsen führte, sprach: „Er hat gelehrt.“
Und so war auch das erklärt.

Doch der Mann in einer heitren Regung
Fragte noch: „Hat er was rausgekriegt?“
Sprach der Knabe: „Daß das weiche Wasser in Bewegung
Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt.
Du verstehst, das Harte unterliegt.“....

° ° °

bleiben°wollen°legen

wenn zwei sich sehn
nach langem
bleiben wollen
die hände ineinander
legen bleiben
ist das die grösste aller
art von freiheit?
wenn zwei sich sehn
nach langem
bleiben wollen
die hände ineinander legen
um zu bleiben
das ist die grösste aller
art von freiheit




dank




EIN Händeineinanderlegen,
ein langer Kuß auf kühlen Mund,
und dann: auf schimmerweißen Wegen
durchwandern wir den Wiesengrund.
Durch leisen, weißen Blütenregen
schickt uns der Tag den ersten Kuß,
-mir ist: wir wandelten der Sonne entgegen,
die durchs Gebreite kommen muß.



wuwei

Sprach Siddhartha: Was sollte ich Dir, Ehrwürdiger, wohl zu sagen haben? Vielleicht das, dass Du allzuviel suchst? Dass Du vor Suchen nicht zum Finden kommst? Wie denn?, fragte Govinda.
Wenn jemand sucht, sagte Siddhartha, dann geschieht es leicht, dass sein Auge nur noch das Ding sieht, das er sucht, dass er nichts zu finden, nichts in sich einzulassen vermag, weil er immer an das Gesuchte denkt, weil er ein Ziel hat, weil er vom Ziel besessen ist. Suchen heißt: ein Ziel haben. Finden aber heißt: frei sein, offen stehen, kein Ziel haben.
Du, Ehrwürdiger, bist vielleicht in der Tat ein Sucher, denn, Deinem Ziel nachstrebend, siehst Du manches nicht, was nah vor Deinen Augen steht.
H. H., Siddhartha, Kapitel Govinda
°
Wer "nicht in die Welt passt", der ist immer nahe daran, sich selber zu finden.
H. H., Demian

"Weisheit ist nicht mitteilbar. Weisheit, welche ein Weiser mitzuteilen versucht, klingt immer wie Narrheit."
"Scherzt du?" fragte Govinda.
"Ich scherze nicht. Ich sage, was ich gefunden habe. Wissen kann man mitteilen, Weisheit aber nicht. Man kann sie finden, man kann sie leben, man kann von ihr getragen werden, man kann mit ihr Wunder tun, aber sagen und lehren kann man sie nicht.[...]"
H. H., Siddhartha

RMR

Ich ließ meinen Engel lange nicht los...

Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte in meinen Armen
und wurde klein, und ich wurde groß:
und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloß.
Da hab ich ihm seinen Himmel gegeben, -
und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;
er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt ...
Seit mich mein Engel nicht mehr bewacht,
kann er frei seine Flügel entfalten
und die Stille der Sterne durchspalten, -
denn er muß meine einsame Nacht
nicht mehr die ängstlichen Hände halten -
seit mein Engel mich nicht mehr bewacht.
Hat auch mein Engel keine Pflicht mehr,
seit ihn mein strenger Tag vertrieb,
oft senkt er sehnend sein Gesicht her
und hat die Himmel nicht mehr lieb.
Er möchte wieder aus armen Tagen
über der Wälder rauschendem Ragen
meine blassen Gebete tragen
in die Heimat der Cherubim.
Dorthin trug er mein frühes Weinen
und Bedanken, und meine kleinen
Leiden wuchsen dort zu Hainen,
welche flüstern über ihm ...
Wenn ich einmal im Lebensland,
im Gelärme von Markt und Messe -
meiner Kindheit erblühte Blässe:
meinen ernsten Engel vergesse -
seine Güte und sein Gewand,
die betenden Hände, die segenende Hand, -
in meinen heimlichsten Träumen behalten
werde ich immer das Flügelfalten
das wie eine weiße Zypresse
hinter ihm stand ...
Seine Hände blieben wie blinde
Vögel, die, um die Sonne betrogen,
wenn die andern über die Wogen
zu den währenden Lenzen zogen,
in der leeren, entlaubten Linde
wehren müssen dem Winterwinde.
Auf seinen Wangen war die Scham
der Bräute, die über der Seele Schrecken
dunkle Purpurdecken
breiten dem Bräutigam. Und in den Augen lag
Glanz von dem ersten Tag, -
aber weit über allem war
ragend das tragende Flügelpaar ...
Um die vielen Madonnen sind
viele ewige Engelknaben,
die Verheißung und Heimat haben
in dem Garten, wo Gott beginnt.
Und sie ragen alle nach Rang,
und sie tragen die goldenen Geigen,
und die Schönsten dürfen nie schweigen:
ihre Seelen sind aus Gesang.
Immer wieder müssen sie
klingen alle die dunklen Chorale,
die sie klangen vieltausend Male:
Gott stieg nieder aus seinem Strahle
und du warst die schöne Schale
Seiner Sehnsucht, Madonna Marie.
Aber oft in der Dämmerung
wird die Mutter müder und müder, -
und dann flüstern die Engelbrüder,
und sie jubeln sie wieder jung.
Und sie winken mit den weißen
Flügeln festlich im Hallenhofe,
und sie heben aus den heißen
Herzen höher die Strophe:
Alle, die in Schöhnheit gehn,
werden in Schöhnheit auferstehn.

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

sonnenwunder

Das Märchen: Der Froschkönig
Hier eine kurze Zusammenfassung des Inhalts von “Der Froschkönig”:
Eine Prinzessin, die so schön ist, dass die Sonne selbst sich jedes Mal verwundert, wenn sie auf ihr Gesicht scheint, spielt in der Nähe des Brunnens mit ihrer goldenen Kugel. Die Kugel fällt in den Brunnen, worauf die Prinzessin sehr traurig ist. Ein Frosch verspricht ihr, die Kugel wiederzubringen, wenn die Prinzessin ihm einige Zugeständnisse macht: Er wolle ihr Geselle und Spielkamerad sein, an ihrem Tischlein neben ihr sitzen, aus ihrem Becherlein trinken, in ihrem Bettlein schlafen. Die Prinzessin verspricht es ihm, denkt jedoch nicht daran, dieses Versprechen einzuhalten. Als der Frosch später kommt, um das Versprechen einzufordern, wird der Vater zornig und fordert von seiner Tochter, dass sie hält, was sie dem Frosch versprochen hat. Die Prinzessin gehorcht ihrem Vater, doch als der Frosch zu ihr ins Bett kommt, wirft ihn die Prinzessin voll Ekel an die Wand. Der Froschkönig verwandelt sich in einen Königssohn mit schönen freundlichen Augen und erzählt ihr, dass er von einer bösen Hexe verwünscht worden war und niemand ihn erlösen hätte können als eben die Prinzessin alleine.
Drewermann weist darauf hin, dass der Froschkönig eine aktuelle Beziehungsgeschichte voller Gegensätze und Konflikte darstellt, wobei das Märchen durchaus lösungsorientiert angelegt ist, indem zwei neurotische Menschen eine Wandlung erleben, durch die erst eine reife Beziehung möglich wird.

Hauptprotagonist: Der Froschkönig.
Der Froschkönig setzt sich aus den gegensätzlichen Elementen „König“ und „Frosch“ zusammen. „Er ist König, weil er Frosch ist und Frosch, weil er König ist“, so Drewermann. „Erst als ein Erlöster, ein Zu-sich-selbst-Gefundener kann er seiner geliebten Prinzessin erläutern, dass er durch die Machenschaften einer Hexe verwünscht war.“
Eine Beziehung zwischen Mutter und Kind ist sehr verflochten und geprägt von Ambivalenzgefühlen zwischen äußerster Liebe und starker Abneigung. Aber wie ist es möglich, dass ein junger Mensch von sich selbst denkt, dass er überaus mächtig und gleichzeitig gar nichts sein könnte?
Im Märchen steht der Brunnenschacht symbolisch für den ewigen Mutterschoß. Demnach ist der Froschkönig ein Kind, das niemals von seiner Mutter fortkommen darf.
Drewermann beschreibt die Problematik anhand einer Fallgeschichte eines Patienten, den er im Alter von 17 Jahren kennen lernte:
Dieser junge Mann hatte als 6-jähriger erlebt, wie sein Vater sich von seiner Mutter trennte. Er, der Sohn, kümmerte sich dann um seine depressive, suizidale Mutter. Es lastete eine große Verantwortung auf ihm. Gleichzeitig war es eine Ehre für ihn, der Liebling der Mutter zu sein – er war ihr Sonnenschein, die Mittelpunktachse des Lebens der Mutter – und das umso mehr, nachdem der Vater gegangen war. Der Junge ersetzte den Vater für die Mutter und musste ihn sogar noch übertreffen – er musste aufopfernd, feinfühlig und sensibel sein. Er ist also der König, der Prinzgemahl der Mutter und andererseits furchtbar überfordert mit dieser Situation und kann ihren Erwartungen nicht entsprechen.
Die Mutter verwöhnt den Jungen sehr und fordert ihn hinsichtlich mancher Aufgaben nicht. Was sie sich ersparen kann, wird Weihnachten etc. für den Jungen investiert. Er musste nie lernen, ein Glas abzutrocknen etc. Wenn sie dies später versucht einzufordern, droht er ihr z.B. er werde das Glas einfach fallen lassen.
Aus dieser Situation heraus konnte er auch terroristisch für seine Mutter sein.
Die Kombination lautete materielle Verwöhnung plus psychisch rabiate Überforderung: „Ich bin ein König und fühle mich doch als etwas gänzlich Niedriges.“ Diese Dynamik ergab sich aus Minderwertigkeitsgefühlen in Kombination mit überhöhten Überich-Idealen.
Man könnte empfehlen, dass der Junge sich von seiner Mutter trennt, aber das ist unmöglich für den Jungen.
Die engste Bindung zwischen dem Sohn und der hexenartigen Mutter liegt in den Schuldgefühlen: Der Junge darf niemals seine Mutter verlassen, sonst würde er werden wie sein eigener Vater – würde er seine Mutter verlassen, wäre er für den Tod der Mutter verantwortlich.
Nach zwei Jahren Psychotherapie wird auch der Therapeut ungeduldig – von der Supervisionsgruppe erheischt er folgenden Rat: „Diesem jungen Mann müssen Beine gemacht werden. Er muss den Mut haben, in das Leben zu springen. Er muss eine andere Frau kennen lernen. Er gibt doch genug Frauen. Er muss es nur wagen.“ Der Therapeut, der diesen Rat an seinen Patienten weitergibt, muss bald erkennen, dass der Patient seine Behandlung bald beenden wird.
Es gibt jedoch auch eine andere : Das Märchen “Der Froschkönig” (er-)findet den einzigen Ausweg zur Lösung.

Hauptprotagonistin: Die Prinzessin.
Wer ist die Königstochter, die den Froschkönig erlösen wird? Sie ist wunderschön, aber ein Kind voll Traurigkeit und Tränen. Die Prinzessin ist vor allem die Tochter ihres Vaters: Der Mann hat drei Töchter, aber die ersteren dienen ausschließlich als Vergleichsmaßstab für Lobpreis und Hochschätzung der dritten Tochter.
Was bedeutet es, wenn ein Mädchen der Liebling / „die Geliebte“ des Vaters ist? Es liegt aller Stolz, alle Hochachtung darin. Für ein Mädchen von 4 Jahren ist der Vater ein König oder Gott. Zwischen 6 und 7 Jahren wird der Lehrer ein Konkurrent für den großartigen Vater. Es wäre ein Entwicklungsfortschritt, wenn die Tochter von ihrem Vater nach und nach ablassen würde, aber das ist im Märchen „Froschkönig“ nicht der Fall.
Das Leben der Königstochter teilt sich in zwei Sphären: die väterliche Kultur und die Natur, welche die mütterliche Sehnsuchtswelt symbolisiert. Das Mädchen pendelt hin und her zwischen diesen zwei Sphären – ein Symbol dafür, dass sie vom Mädchen zur Frau wird. Das Mädchen möchte die ganze Kindheit mitnehmen – symbolisiert durch das Ballspiel: Um den Verzicht der Kindheit zu erleichtern, übt sie selbst die Kindheit wegzugeben und diese in der Folge wieder zurückzubekommen.
Die runde Kugel stellt also die geschlossene Kinderwelt dar, die sie bei sich behalten möchte. Aber die Kugel rollt in den Brunnen, wo der Froschkönig sitzt. Es sind die ersten Schritte, die die Liebenden verbinden könnten, diese sind jedoch sehr angstbesetzt bis fast unmöglich.
Die Botschaft lautet nach Drewermann: „Liebe Königstochter, du darfst deine Kindheit behalten, aber es gibt nur eine Art: Du musst lernen, dich zu verlieren und dich dir wiederzugeben durch die Liebe. Wer seine Kindheit krankhaft verschließt, verliert sie ganz. Er wird niemals erwachsen. Die Liebe kann hier vermitteln.“

Symmetrie der Begegnung zwischen Froschkönig und Prinzessin
Der Königssohn stammt aus einer vaterlosen Familie; er wuchs ganz und gar bei seiner Mutter auf. Die Prinzessin stammt aus einer mutterlosen Familie und wuchs ganz und gar bei ihrem Vater auf (die Mutter findet kaum bis keine Erwähnung in der Geschichte). Die beiden sind sich spiegelbildlich ähnlich, haben einen gleichen Werdegang. Daher sagt der Königssohn auch: „Nur du konntest mich erlösen.“
In der Paartherapie spricht man in diesem Fall von „Kollusion“ – folgendem unbewussten Zusammenspiel: Unbewusst wählt man im Partner den gegengeschlechtlichen Elternteil, um von der Umklammerung des übergroßen Vaters bzw. der übergroßen Mutter erlöst zu werden.
Im Märchen machen sich innige Gefühle der Liebe fest am Partner, indem Empfindungen aus der Kindheit aktualisiert werden – aber es kommt zur Angst vor Enttäuschung. Man liebt im anderen etwas vom Vater / von der Mutter und in der Liebe wiederholt sich alles noch einmal wie aus Kindertagen.
Es gibt jedoch auch Märchen, die anders sind: Dann, wenn der Bräutigam unmögliche, fast tödliche Aufgaben erledigen muss – z.B. einen siebenköpfigen Drachen töten; Dornröschen küssen, jedoch erst nach der Überwindung von unüberwindbaren Dornenhecken… Dahinter steht, dass der Vater jeden Schwiegersohn in spe im Grunde vernichten möchte, denn eigentlich will er seine Tochter gar nicht vermählen.
Anders beim Froschkönig: Der Vater befiehlt die Vermählung mit dem Froschkönig sogar. Es heißt: „Die Sonne, wenn sie die Schönheit dieses Mädchens sah, geriet in Bewunderung“. Sollte es da dem Vater anders ergangen sein als der Sonne? Wohl kaum. Gefühle, die bis dahin innig waren, müssen über Nacht abgekühlt werden – die Sprache wird streng, moralisch. Dahinter steht mitunter auch, dass der Vater sich auch vor seinen eigenen Gefühlen der Tochter gegenüber schützen will. Es gibt jedoch noch ein anderes Motiv für das Handeln des Königs: Der Vater hätte den Vertrag der Tochter sicher auch anders lösen können – er war ein König, einflussreich, mächtig – aber offenkundig will er, dass seine Tochter den Froschkönig heiratet. Warum? Der Frosch wird ihn nie gefährden… Nur so konnte die Tochter für ihn Sonnenschein auf Lebenszeit bleiben. Der Vater will seine Tochter also unglücklich verheiraten mit dem Froschkönig. So konnte er später der Seelentröster für seine Tochter werden: als Weiser, als kundiger Beistand der Tochter, als Kenner der Frauen kann er ihr Ratschläge geben.
Und auch die Tochter brauchte auf ihren Vater nicht zu verzichten, wenn sie den Froschkönig wählt, denn der Vater ist der beste aller Männer, kein Mann hält diesem Vergleich stand. Solang sie ihren Vater im Herzen und im Kopf trägt, hat kein anderer Mann eine Chance. Und auch der Königssohn ist ein Schwächling.

Plottwist: Die Schlüsselszene im Froschkönig.
Der Frosch kommt zur Prinzessin ins Bett - Wut, Zorn, Ekel der Prinzessin verdichten sich bis die Prinzessin den Frosch gegen die Wand wirft. Das Wesentliche ist also, dass eine bestimmte Energie sich zum Unerträglichen verdichtet - die sexuelle Energie – und die Tochter klatscht den Froschkönig schließlich an die Wand. In diesem Moment kommt es zu einem Rollenbruch: Die Königstochter hört auf, der Liebling des Vaters zu sein - indem sie ihre Rolle an der Wand zersprengt wird sie zu einer anderen Frau und auch der Froschkönig kann zu einem anderen Mann werden.
Die Prinzessin wollte ihre Kindheit erhalten: sie zeigt eine hysterische Ambivalenz allem Sexuellen gegenüber - ist unschuldig und verführerisch gleichzeitig, nie festgelegt aber ständig verlockend.
Der Froschkönig fügte sich dem, indem er alle Wörter diminutiv miniaturisierte: Becherlein, Tellerlein, dein Gesell (ganz sicher nicht dein Mann – nur dein Spielkamerad… Das sollte heißen: “Ich werde dir als Mann nie etwas tun.”) Dies war die Eintrittstür für den Froschkönig, denn er signalisierte ihr: “Ich akzeptiere voll und ganz deine „Klein-Mädchen-Auffassung“ vom Leben.” „Beide müssen aufhören, aber beide müssen auch aufhören dürfen, Kinder zu sein“, so Drewermann.

In der Folge erzählt der Froschkönig der Königstochter sein ganzes Leben.

“… und sie lebten glücklich bis an ihr Ende”: Wie es laut Drewermann weitergehen könnte.

Drewermann liest einen möglichen Dialog vor, den die beiden Jahre später miteinander führen könnten, so sie die Wandlung gemeistert hatten. So könnte die Prinzessin ihrem Mann sagen: „Vergib mir Geliebter die Worte meiner Verachtung. Sie mussten dich kränken und schlimmer: sie sollten dir wehtun. Doch glaub mir, sie galten nicht dir. Ich selber war noch sehr unreif und unerfahren – voller romantischer Ideen mit denen ich mich vor der Wirklichkeit und vor mir selber zu schützen suchte. Wie alle Mädchen voller Sehnsucht und Angst war ich voller Abwehr gegenüber der Liebe, die ich doch suchte. Ich hielt für Stärke, was eine Schwäche war. Ich traute mir selbst nicht – wie hätte ich da wohl einem anderen, einem Manne wohl gar vertrauen sollen? Ich glaubte mich dir überlegen nur aus Angst vor deiner wirklichen Größe. Ich wollte dich erniedrigen und klein machen – nur aus Angst vor deiner Nähe. Der einzige, dem ich vertrauen durfte, war mein Vater: Zu ihm blickte ich auf; in seinen Augen fühlte ich mich selber gemocht und angesehen. Sein Wohlwollen war wie ein warmer Wind, der mich durchs Leben trug. Ich spürte, dass ich von ihm loskommen musste, aber ich hatte auch Angst, ihn loszulassen. Ich sehnte mich nach meiner Mutter, doch eine solche gab es nicht. Wer war ich als Frau? Ich war die Schönste in den Augen meine Vaters; für ihn war ich eine Kostbarkeit, die man der Öffentlichkeit nur unter Panzerglas zeigt. Wie in einem Museum. Und in solch einer Bestimmtheit traf ich dich. Ich sah sofort deine gütigen Augen, deine Stimme tat mir wohl. Du erschienst mir wie ein Gefährte in meiner Einsamkeit. Und du wolltest mein Freund sein auf ewig, das bedrohte mich. Das war mir unheimlich. Da schrillten alle Alarmglocken in dem Hochsicherheitstrakt des Museums das mein Leben war. Du hast in gewissem Sinne ja selber gesehen: Deine Annäherung versetzte mich in Panik. Ich behandelte dich von oben herab, ich nahm dich nicht ernst, weil ich doch spürte, dass es ernst wurde. Heute bin ich dir dankbar für deine zähe Geduld, die ich damals als Nachgelaufe ohne Anstand und Würde missdeutete. Ich wollte dich nicht an mich heranlassen, um mich an dich nicht zu verlieren. Und du verstehst, wie es kam: Ich war meines Vaters Vorzeigepüppchen; ich war gewohnt mich zu drehen und zu wenden wie er es wollte und ich lebte in der ständigen Furcht, nicht schön genug, nicht makellos genug, nicht perfekt genug zu sein. Alle sollten mich mögen - aber du warst nicht alle. Du wolltest mich und du beugtest dich hinunter in meine Angst, tauchtest hinab in meine Traurigkeit; holtest mein eigentliches Wesen aus der Tiefe heraus. Und dafür liebe ich dich, du mein Kleinod, mein Prinz.“
Der so Angeredete müsste wohl seinerseits sagen: „Vergib du mir, meine Geliebte, meine Königin. Wirklich, du erweckst alle Sehnsucht in mir. Und du erfüllst alle Sehnsucht. Wie verstehe ich den Stolz deines Vaters! Du rühmst meine Geduld, Geliebte, aber was hätte ich den anderes schon tun sollen: Ich hatte dich lieb vom ersten Augenblick an – deiner Schönheit wegen und auch deiner Traurigkeit wegen. Sie entsprach meinem eigenen Empfinden so sehr, dass ich glaubte, du wenigstens würdest mich verstehen. Es tat mir gut, dir helfen zu dürfen. Selbstlos war das gar nicht. Auch ich hatte und habe meine Ängste – zum Beispiel, dass eine so schöne, vom Glück verwöhnte Frau wie du mir damals erschienst, mich einfach lächerlich fände. Ich traf dich zum Glück als du selber dicht am Wasser gebaut hattest. Dieser Umstand brachte mich dir nah. Denn wenn ich bei meiner Mutter eines gelernt habe, ist es ein gewisses Einfühlen und Gedankenlesen. Gewiss, deine demonstrierte Verachtung tat mir furchtbar weh. Du erschienst mir so groß in solchen Moment. Wenn du sagst, du seiest das Püppchen deines Vaters, wollt ich dir eine Puppenstube zimmern und doch sah ich, dass es ganz unmöglich war, dich dort hineinzufügen. Ich wollte dich nicht belasten, aber so fühlte ich mich dir gegenüber als lästig, schwierig, schwerfällig, schwermütig – als Frosch eben. Ein Kind aus Brunnentiefe und Tränen. Alle Bewegungen bei mir sind langsam und vorsichtig; nichts geht mir behänd von den Händen. Eine gewisse Leichtigkeit des Lebens wie du sie dir wünschen magst, hab ich nie kennen gelernt. Auch mir ermangelte es an Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. Und wie du den Beifall der anderen zu erringen versuchtest durch Gefälligkeit und Gefallen, so ich durch Nützlichkeit. Beide hat uns das Leben offenbar sehr einseitig geprägt. Aber jetzt, Geliebte, brauchst du nichts mehr machen, um meinen Gefallen zu erringen. Du gefällst mir einfach dadurch, dass es dich gibt. Du meine Zauberhafte. Meine Sonne am Morgen. Du und ich, wir brauchen gar nichts mehr zu machen. Und zu vergeben haben wir einander gar nichts mehr – außer uns selbst. Denn ich liebe dich sehr. “

vivre jeune

Donnerstag, Februar 3

Foi ~ Mímameiðr, Læraðr ~ עץ הדעת טוב ורע °ez had-da°at tôb wâ-râ

Tarot - Die Karte Zwölf: Der Gläubige

Der Name lässt dem Bild nach zunächst nichts vermuten - wer den Tarot nicht kennt, denkt vielleicht erst einmal: Nanu. Aber die Karte mit der Nummer XII hat durchaus nichts Unangenehmes. Der Mann auf dem Bild ist lebendig. Er steht zwar an einem Baum oder, wie beim Rider-Waite-Tarot, auf einem Ast, der üppig begrünt ist - doch in entspannter Pose. Was wir sehen, ist auch ein Bild des Gottes Odin, der sich an die Weltesche Yggdrasil* hängte und sich somit selber zum Opfer brachte. Der Sage nach stand er so in aller Einsamkeit neun Tage und Nächte, und als Lohn erhielt er von den Alten das Wissen um die Runen und ihre Kräfte. Also Opfer oder Einweihung bedeutet in dieser Hinsicht das Bild - erst wenn das getan ist, eröffnet sich das Wissen. Bei anderen Decks wird die Karte auch "Der Einsame" oder "Das Opfer" genannt, was durchaus zutrifft. Also ist eine der Botschaften dieses Arkanums: "Da musst du durch", oder auch: "Akzeptiere jetzt, was du nicht ändern kannst - die Dinge werden sich bald ändern." Und dahin führt letztendlich die Botschaft der Karte: Zu einer großen Veränderung. Nicht selten bedeutet sie nämlich, dass das bisherige Leben völlig auf den Kopf gestellt wird und man vieles, oder gar eine besondere Sache, anders wahrnimmt. So manches gewinnt eine völlig andere Bedeutung, wenn man sich die Mühe macht und den Blickwinkel verändert. Sei es, dass man versucht, es mit den Augen einer anderen Person zu sehen, oder dass man sich für neue Aspekte einer Angelegenheit öffnet. Wer mitten im Geschehen ist, sieht die Realität anders als jemand, der von außen hineinsieht. Es gibt wohl kaum etwas im Leben, das nicht durch verschiedene Betrachtungsweisen klarer werden würde. Eine der Bedeutungen ist auch der Rückzug im Sinne von Odin, ausklinken aus dem Leben. Anders aber als der Eremit, der in sich hineinleuchtete auf der Suche nach sich selber, ist der Mann vom 3 fachem Licht erfüllt - er akzeptiert die Dinge, wie sie im Augenblick sind und ist sich seiner sehr bewusst. Er sucht nicht sich selber, er sucht Wissen, Veränderung, Kraft, Weisheit... aber er weiß, dass er Geduld haben muss. Die Ruhe vor großen Umwälzungen ist ein weiterer Hinweis der XII, sie zeigt das Kommen großer Dinge an. Vor allem aber erinnert sie, den Eigennutz abzulegen und seinen Geist von den materiellen Dingen vorerst einmal abzulegen. Es gibt eine Karte, die zeigt, wie dem Mann die Münzen aus der Tasche fallen - eine logische Folge seiner Position. Es bedeutet, dass er in dieser Phase der Hingabe so etwas wie Geld oder Reichtümer der Welt nicht braucht. Es ist auch ein Symbol dafür, die Ängste, die im Materiellen gründen, abzulegen. Durch Verzicht wird gewonnen. Odin begab sich in die Position und war geduldig, er strebte und kämpfte während dieser Zeit nicht, aber er empfing doch. Je nach Fragestellung kann es auch bedeuten, dass ein gewisses "Opfer" gebracht werden muss, damit der Weg klarer wird. Wer nicht in aller Unschuld geben kann, kann auch nicht wirklich empfangen - er wird ein Geschenk nicht als herzliche Gabe sehen, sondern das Rechnen im Kopf anwerfen. Wer sein Leben aber darauf aufbaut, wird unter dem Strich nichts übrig haben, das ihm wirklich etwas nutzt am Ende. Geduld ist geraten - die Geduld, die ein guter Gärtner aufbringt, wenn er auf die Ernte wartet. Währenddem er nichts weiter tun kann als warten, regt sich für ihn nicht wahrnehmbar Leben unter der Erde und in den Samen - ohne sein direktes Zutun. Also, die Dinge ändern sich für den, der Geduld aufbringt und die Fähigkeit, sie aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.

* Yggdrasil, der Weltenbaum der germanischen Mythologie ist eine der schönsten Schilderungen der verschiedenen Sphären der Existenz. Die Zweige der Esche breiten sich über die ganze Welt und reichen hinauf bis über den Himmel. Drei Wurzeln halten ihn aufrecht, eine reicht zu der Unterwelt der Asen an den Fluss Äsir, die andere zu den Hrimthursen, wo einstmals Ginnungagap war; die dritte steht über Niflheim. Unter dieser Wurzel ist Hwergelmir und Nidhögg nagt von unten an ihr. Bei der anderen Wurzel, die sich zu den Hrimthursen erstreckt, ist Mimirs Brunnen, worin Weisheit und Verstand verborgen sind. Der Eigner des Brunnens heißt Mimir, und ist voller Weisheit, weil er jedem Tag aus dem Giallarhorn trinkt. Unter der dritten Wurzel der Esche, die zum unteren Himmel der Asen geht, ist ein Brunnen, der sehr heilig ist, Urds Brunnen genannt: der Götter Gerichtsstätte, wohin täglich die Asen über Bifröst reiten. Es steht ein schönes Gebäude unter der Esche bei dem Brunnen: aus dem kommen die drei Mädchen, die Urd, Skuld und Werdani, Bestimmerinnen aller Menschen Lebenszeit, die Nornen. Täglich begießen sie mit dem Wasser aus dem Brunnen und es zugleich mit Dünger, der um den Brunnen liegt, die Zweige, damit sie nicht dörren oder faulen. Dieses Wasser ist so heilig, dass alles, was mit ihm in Berührung kommt, so weiß wird wie die Haut, die inwendig in der Eierschale liegt. "Ein Adler sitzt in den Zweigen der Esche, der viele Dinge weiß, und zwischen seinen Augen sitzt ein Habicht, Wedfölnir genannt. Ein Eichhörnchen, das Ratarösk heißt, springt auf und nieder an der Esche und trägt Zankworte hin und her zwischen dem Adler und Nidhögg. Eine Ziege, Heidrun, lebt im Geäst der Esche, ihre Milch ernährt Odins Krieger. Vier Hirsche laufen umher an den Zweigen der Esche, und beißen die Knospen ab. Sie heißen Dwain, Dwalin, Dunneir, Durathror. Und so viele Schlangen sind in Hwergelmir bei Nidhögg, dass es keine Zunge zählen mag." (Edda, Gylfaginning) Tau, der von Yggdrasil kommt, nennt man Honigtau: davon ernähren sich die Bienen. Auch zwei Schwäne nähren sich von dem Urdbrunnen und von ihnen kommt das Vogelgeschlecht. Diese Schwäne als Symbol der Unschuld, werden oft mit der psychologischen Entsprechung des innersten menschlichen Selbst in Zusammenhang gebracht. Neben all dem befinden sich auch viele Wohnungen und Hallen der Götter und Alfen im Himmel von Yggdrasil.

Yggdrasil, die Weltenesche, ist ein Sinnbild der Schöpfung als Gesamtes: räumlich, zeitlich und inhaltlich. Er ist der Weltenbaum, weil er im Zentrum der Welt steht und alle Welten miteinander verbindet. Als Weltachse (axis mundi) verbindet er die drei Ebenen Himmel, Mittelwelt und Unterwelt. Als Himmelsstütze stützt er das Himmelsgewölbe.  Die Edda nennt ihn auch den Maßbaum. Die Welt reicht nur so weit wie seine Zweige und Wurzeln reichen und die Schöpfung besteht nur solange wie er besteht. Ein Sinnbild der Raumzeit. Yggdrasil ist auch ein Sinnbild des Lebens an sich, und von Vergehen und Werden, der Wiedererneuerung des Lebens. Die Tiere am Baum nehmen von seiner Lebenskraft, die drei Nornen besprengen ihn mit dem heiligen Wasser des Urdbrunnens und schenken ihm immer wieder neue Lebenskraft. Da Yggdrasils Leben sich immer wieder erneuert oder weil Yggdrasil immergrün ist, ist die Weltenesche auch ein Sinnbild der Unsterblichkeit. Durch Odins Selbstopfer wird Yggdrasil zum Opferbaum. Da Odin sich selbst an Yggdrasil aufhängt, um das geheime Wissen bei den Wurzeln Yggdrasils zu erlangen, kann man in Yggdrasil auch einen Wissensbaum sehen, über den man zum geheimen Wissen gelangt. In den zirkumpolaren schamanischen Kulturen des Nordens von Nordamerika, Europa und Asien finden sich ähnliche Vorstellungen des Weltenbaums wie sie von Yggdrasil berichtet werden. In Kult und Mythologie der Germanen und ihrer Nachfahren sind noch schamanische Spuren vorhanden. Insbesondere bei Odin. Das Selbstopfer Odins an Yggdrasil, sein enger Bezug zur Ekstase und sein achtbeiniges Pferd Sleipnir sind Merkmale, die dem Schamanischen sehr nahe stehen. Man kann davon ausgehen, dass der nordische Weltenbaum aus einer Zeit stammt, in der er von Schamanen in ihrer praktischen Arbeit genutzt wurde. Kennzeichnend für Weltenbäume dieser schamanischen Kulturen ist die Vorstellung, dass der Weltenbaum die Welt in ihrer Gesamtheit darstellt. Somit ist er zugleich auch der erste aller Bäume. Er steht im Zentrum der Schöpfung und verbindet die drei Ebenen Himmel, Erde und Unterwelt (und alle sonstigen Welten, die es gibt) miteinander. Meist ist er mit einer Muttergottheit und Martyrium verbunden. Sieht man in der Norne Urd eine alte Muttergottheit, so vereinigt Yggdrasil all diese grundlegenden Merkmale in sich. Unterschiedlich ist im Übrigen in den verschiedenen schamanischen Kulturen die Baumart des Weltenbaums. Schamanen nutzen den Weltenbaum in ihrer Arbeit zum Aufsteigen und Absteigen, um in die anderen Welten zu gelangen (zu reisen), damit sie dort Angelegenheiten der Menschen besorgen können.  An einer Entsprechung des Weltenbaums werden Schamanen zum Teil auch initiiert. Odins Selbstopfer (Martyrium) an Yggdrasil, um an das geheime Wissen (der Runen) in der Tiefe zu gelangen, kann durchaus als schamanischer Initiationsritus aufgefasst werden.
Vom Baum des Lebens wird auch in anderen Zusammenhängen gesprochen: in Märchen als Baum mit goldenen Äpfeln, wobei teilweise auch explizit vom Baum des Lebens die Rede ist: Grimms Märchen Nr. 17, Die weiße Schlange Nr. 21 Aschenputtel Nr. 24, Frau Holle Nr. 29, Der Teufel mit den drei goldenen Haaren Nr. 31, Das Mädchen ohne Hände Nr. 47, Vom Machandelbaum Nr. 53 Schneewittchen Nr. 57, Der goldene Vogel Nr. 88, Das singende springende Löweneckerchen Nr. 96, De drei Vügelkens Nr. 121, Der Königssohn der sich vor nichts fürchtete Nr. 130, Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein.

Das göttliche Verbot, von den Früchten des Baums der Erkenntnis zu essen, symbolisiert die Grenzen, die dem Menschen als Geschöpf Gottes gesetzt sind. Die Missachtung dieser Grenzen (das Christentum definiert es als den „Sündenfall“) führt zum Verlust der Lebensfülle (Gen 3,22), die Gott dem Menschen eigentlich zugedacht hat: zur Vertreibung aus dem Paradies (Gen 3,23) und zur Bewachung des Zugangs zum Baum des Lebens (Gen 3,24). Den Namen Baum der Erkenntnis von Gut und Böse erhält der Baum in Gen 2,9 im Vorgriff auf das Versprechen, das die Schlange Adam und Eva macht: „Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse“ (Gen 3,5). Damit sei aber nach H. Junker nicht das moralische Erkenntnisvermögen des Menschen gemeint, sondern, wie Sam 14,17 zeige, „ein übermenschliches, an Allwissenheit grenzendes Erkennen [...], wie man es dem ‚Engel Gottes‘ zuschrieb“. Als Motive für das Essen von den verbotenen Früchten sind aus Gen 3,5. erkennbar: das durch die Schlange gesäte Misstrauen gegenüber Gott (Unglaube), der Zweifel an dessen Güte und Menschenliebe, das Verlangen nach einem nur Gott zukommenden Wissen (Hybris). Zunächst scheint es, als behalte die Schlange Recht, denn den Menschen gehen, nachdem sie von den verbotenen Früchten gegessen haben, tatsächlich „die Augen auf“, doch sie sind nicht geworden wie Gott, sondern erkennen, „dass sie nackt“ sind (Gen 3,7) . Im Hebräischen liegt hier ein Wortspiel vor zwischen עירם (°êrom = nackt) und ערום (°ârûm = schlau), wie die Schlange in (Gen 3,1) genannt wurde. Statt der versprochenen Gottgleichheit erkennen die Menschen ihre Armseligkeit und Bedürftigkeit. H. Junker sieht das so: „Demnach verhält sich die vom Menschen tatsächlich erlangte Erkenntnis des Guten und Bösen zu der erhofften wie die Enttäuschung zu der vorhergehenden Illusion.“
Nach Gen 2,9 ließ Gott den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse in der Mitte des Gartens in Eden wachsen. Er verbot den Menschen aber, von den Früchten des Baums der Erkenntnis zu essen, da dies den Verlust des Lebens  bzw. ewigen Lebens zur Folge hätte. In Gen 3,3 ist nur von dem (einen) Baum „in der Mitte des Gartens“ die Rede, aber als einem ambivalenten: Er kann zum „Baum des Lebens“ oder zum „Baum des Todes“ werden. Als Adam und Eva – von der Schlange verführt – das göttliche Gebot übertreten und von den verbotenen Früchten gegessen hatten, vertrieb Gott den Menschen „aus dem Garten von Eden“ und stellte „die Kerubim auf und das lodernde Flammenschwert, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten“ 3,24. Der Genuss auch noch der Früchte des Baums des Lebens war somit für Adam und Eva unmöglich.

“Der Lebensbaum,
verborgen in der Mitte des Paradieses,
wuchs heran in Maria
und aus ihr hervortretend
beschützte er den Erdkreis in seinem Schatten
und schüttete Früchte aus
über die weitab Getrennten und die Nahen.“
“Lebensbaum ist das Kreuz,
das Früchte des Lebens
für unser Geschlecht hervorbrachte:
Auf dem Hügel von Golgotha
teilte Christus das Leben den Menschen mit;
von da hat er auch uns
das Liebespfand des ewigen Lebens zugesagt“.




Du, o Heiliges Gesetz,
bist der Lebensbaum,
der inmitten
des ewigen Meeres steht,
und genannt wird
der Baum der Heilung,
Der Baum des mächtigen Heilens,
der Baum allen Heils,
und in Dir liegen die Samen,
von allem, das wir erflehen.