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Dienstag, Juli 13
émotion
Sie treiben nicht nur bei Anbruch der Dunkelheit ihr Unwesen. Mit Knoblauch und Kruzifix ist ihnen auch nicht beizukommen. Sie nebeln uns ein mit ihrer hypnotischen Kraft, belästigen uns mit ihren Belangen. Kurz: Sie rauben uns einfach den letzten Nerv. Emotionale Vampire lauern allerorten. Im Grunde sind sie nicht böse, sondern unreif. Nach außen erscheinen sie wie Erwachsene, innerlich jedoch gleichen sie Zweijährigen. Anfangs machen emotionale Vampire einen besseren Eindruck, als andere Leute. Sie sind geistreich, vielseitig begabt und charmant wie ein rumänischer Graf. Sie finden sie sympathisch, vertrauen ihnen und erwarten mehr von ihnen als von anderen. Sie erwarten mehr, bekommen weniger – und am Ende sind Sie der Leidtragende. Sie laden sie in Ihr Leben ein und bemerken Ihren Fehler oft erst, nachdem sie in die Nacht verschwunden sind – Sie leer gesaugt zurücklassen, mit einer klaffenden Wunde am Hals, einem geplünderten Geldbeutel oder einem gebrochenen Herzen. Und selbst dann fragen Sie sich noch – war es deren Schuld oder meine? Kennen Sie Exemplare dieser Gattung? Haben Sie ihre dunkle Macht bereits zu spüren bekommen? Sind Ihnen Menschen begegnet, die am Anfang perfekt wirkten und sich später als perfekte Chaoten herausstellten? Haben Sie sich blenden lassen von ihrem brillanten Charme, den sie an- und ausknipsten wie ein blinkendes Neonschild? Wurden Ihnen nachts Versprechungen ins Ohr geflüstert, die bis zum Sonnenaufgang wieder vergessen waren? Sind Sie leer gesaugt worden? Emotionale Vampire leben nicht auf Friedhöfen und klettern nachts nicht aus Särgen. Sie leben in der gleichen Straße wie Sie. Sie sind die Nachbarn, die Ihnen ins Gesicht lächeln, hilfsbereit und höflich scheinen, aber hinter Ihrem Rücken üble Geschichten über Sie verbreiten. Emotionale Vampire sind die Stars Ihrer Fußballmannschaft, bis eine Entscheidung gegen sie gefällt wird. Dann bekommen sie einen Tobsuchtsanfall, der dem Jähzorn eines Dreijährigen in nichts nachsteht. Emotionale Vampire finden Sie an Ihrem Arbeitsplatz: die hoch dotierten Manager, die vor lauter Intrigen und politischen Spielchen nicht dazu kommen, ihren Job zu tun. Vielleicht sitzen sie sogar in der Leitung Ihrer Firma. Sie sind die Vorgesetzten, die Vorträge über Mitarbeiterbefähigung und die Macht positiver Rückversicherung halten, aber ihren Untergebenen beim winzigsten Fehler mit dem Rausschmiss drohen. [...] Obwohl sie sich wie Kreaturen der Nacht verhalten, haftet den emotionalen Vampiren in Wahrheit nichts Übernatürliches an. Die melodramatische Metapher ist nichts als klinische Psychologie, in ein Halloween-Kostüm gekleidet. Emotionale Vampire weisen Merkmale auf, die Psychologen mit dem Begriff Persönlichkeitsstörung bezeichnen. Folgende einfache Unterscheidung lernte ich im Studium: Leute, die sich selbst verrückt machen, haben Neurosen oder Psychosen. Solche, die ihre Mitmenschen verrückt machen, haben Persönlichkeitsstörungen. [...] Emotionale Vampire sehen die Welt anders als andere Menschen. Ihre Wahrnehmungen sind verzerrt durch ihre unreife Jagd nach unerreichbaren Zielen. Sie verlangen von jedem absolute und uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Sie erwarten die perfekte Liebe, die gibt, ohne jemals eine Gegenleistung zu fordern. Sie möchten ein Leben voller Spaß und Aufregung, und dass andere die Dinge übernehmen, die langweilig oder schwierig sind. Vampire sehen von außen wie Erwachsene aus, im Innern sind sie Babys geblieben. Wie die Vampire auf der Leinwand vor Kreuzen, Knoblauch oder Weihwasser zurückschrecken, fühlen sich emotionale Vampire regelrecht bedroht durch die ganz normalen Erfahrungen erwachsener Menschen, zu denen Langeweile, Unsicherheit, Verantwortung und die Pflicht, neben dem Nehmen auch zu geben, gehören. Am einfachsten lassen sich emotionale Vampire nach den Persönlichkeitsstörungen kategorisieren, denen ihre Gedanken und Handlungen am stärksten ähneln. Jede Vampirgattung wird von einem bestimmten unreifen und unmöglichen Bedürfnis getrieben, das für den Vampir die wichtigste Sache der Welt ist. Die Vampire selbst sind sich der kindlichen Bedürfnisse, die ihre Triebfeder sind, meist nicht bewusst.
