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Freitag, Juli 23

Prendere il fresco


Der Ausdruck „Sommerfrische“ hat sich im 19. Jahrhundert verbreitet, heute ist er veraltend. Im Wörterbuch der Brüder Grimm wird der Begriff definiert als „Erholungsaufenthalt der Städter auf dem Lande zur Sommerzeit“ oder „Landlust der Städter im Sommer“.

Das Übersiedeln vom Quartier in der Stadt auf den Landsitz ist schon beim Adel in der Antike üblich gewesen. Die Gründe sind anfangs primär wirtschaftlich, der Adel hatte im Sommer den landwirtschaftlichen Betrieb zu betreuen, der die wirtschaftliche Basis seiner Herrschaft bildete. „Urlaubs“-Zeit war dann im Winter, wo die Landwirtschaft ruht, man konnte in die Stadt übersiedeln und am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Daneben schätzte man aber auch, den im Sommer bedenklichen hygienischen Bedingungen der Stadt entkommen zu können.
Während der mittelalterliche Adel Europas eher aus politischer Notwendigkeit heraus zwischen verschiedenen befestigten Ansitzen wechselt, wird mit dem Aufblühen der Städte seit der beginnenden Neuzeit (Renaissance) in Kreisen der Aristokratie der saisonelle Wechsel von Stadtpalais (Winterschloss) in das Sommerschloss wieder üblich. Ab der Industrialisierung geht der Brauch auf das gehobene Bürgertum über.
Das Wort selbst soll dem Italienischen entstammen, venetianisch spricht man, dass „der einzige zweck des spaziergangs zu sein scheint, frische und kühlung zu suchen. sie sagen nicht 'spazieren gehen', sondern 'prendere il fresco' (kühlung nehmen)“. Für das Deutsche ist frühe Verwendung aus dem Bozener Raum überliefert, wo die Bürger aus dem heißen Talkessel in die kühlen Sommerwohnungen des Mittelgebirges auf dem Ritten und nach St. Konstantin bei Völs am Schlern zogen:

„frisch(e), f. ebenda, das in diesem sinne schon aus dem 17. jahrh. bezeugt ist: wo die statt Bozen ire refrigeria oder frischen halten.“

Ab dem 19. Jahrhunderts wird Europa durch die Eisenbahn erschlossen, das früher aufwändige, unbequeme und auch gefährliche Übersiedeln des gesamten Hausstandes wird zur Erholungsreise. Damit war ab Mitte des 19. Jh. die Sommerfrische fester Bestandteil des Sommerlebens der Aristokratie und des wohlhabenden Bürgertums. Wer sich keinen eigenen Sommersitz leisten konnte, quartierte sich in Gasthäusern und dann zunehmend Privatquartieren ein. So sind Sommerfrische und der beginnende Tourismus eng miteinander verbunden, zur Unterkunft kommen dann auch die örtlichen Unterhaltungsangebote für die Sommerfrischler (Sommergäste), wie das vorher unbekannte Freibaden an Seen, Wandern oder Bergsteigen.


Ricola bringt es auf den Punkt: «Erfrisch dir den Sommer», wirbt das Unternehmen am Bieler Guisanplatz auf einem Plakat für seine Kräuterbonbons. Recht hat es. Schon die Kombination von «Sommer» und «erfrischen» senkt die Temperaturen gefühlsmässig um ein paar Grade. Allein das war letzte Woche, als die Hitze über den Planeten Biel wabberte, eine Wohltat für die Passanten, welche die Glut unseres Fixsterns, besser bekannt als Sonne, kaum mehr aushielten.
Ich bin einer von ihnen. Mir ist dabei ein Wort in den Sinn gekommen, das Gleiches suggeriert wie die Aussage des Kräuteruniversums: die «Sommerfrische». Ich spürte ein starkes Sehnen in mir, Gewittern entgegenzureisen (da in Biel Mangelware) oder in den Bergen Kühlung zu suchen. Überzusiedeln in die Sommerfrische, wie man früher sagte.
Dass das Wort nach meinem Dafürhalten etwas aus der Mode gekommen ist, hat der Duden bestätigt. Er führt die «Sommerfrische» noch auf, allerdings tatsächlich mit der Bemerkung «veraltet». Weil ich selber nicht mehr ganz taufrisch bin an Jahren, ist es zweifellos nicht erstaunlich, dass die einst schriftlich und mündlich durchaus gebräuchliche «Sommerfrische» von mir seinerzeit registriert wurde und später im Kühlschrank meines Gedächtnisses ihren Platz fand. Dort ging sie dann vergessen, aber verdarb nicht. Jetzt drängte sie bei nahezu 40 Grad Celsius in Biel wieder machtvoll nach vorne. Als Angebot, sie sprachlich aufzuwärmen, um mit ihr als Begriff bequem einen erstrebenswerten saisonalen Fluchtpunkt für die Einwohner heisser Städte umschreiben zu können.
Als «Landlust der Städter im Sommer» wird die Sommerfrische im Wörterbuch der Brüder Grimm bezeichnet. Das passt. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie in der Sommerfrische zur Lust die Liebe sich gesellte und wie die gut betuchten und hochwohlgeborenen Städter, aus ihren im Sommer aufgeheizten Häusern in den Gassen glücklich in ihre kühlen Landsitze entkommen, in würziger Luft bereit waren zu galanten Abenteuern. Wie viel attraktiver war doch eine erotische Schwüle anstelle einer meteorologischen.
Ein Hauch von Dekadenz streicht für mich persönlich um die Sommerfrische, wie ich mir erst jetzt Rechenschaft gebe. Ich sehe vor mir: betagte Gäste in einem Bäderhotel. Thermalbad und Liegekuren. Ruhe als oberstes Prinzip. Am Nachmittag zum Thé dansant mit Kuchen und Kaffee.
Weiter: das anämische, schwindsüchtige, kaum lebensfähige Fräulein, von Ohnmacht zu Ohnmacht sinkend, ständig das Riechfläschchen in Reichweite, von der Familie aufs Land geschickt in der vagen Erwartung, der Schwester oder Tochter möge dort eine Atempause in ihrem Verfall gewährt werden.
Oder: Oberst mit unverschämt dichtem weissen Haar und auffallend roten Wangen, unheimlich gut drauf. Stolz, im Dragonerregiment gedient zu haben. Jeden Tag über weite Wiesen reitend. Drahtiger Typ, Inkontinenz ausgeschlossen, eine charmante, etwas forcierte Jugendlichkeit gegenüber Frauen zur Schau stellend. Von Kopf bis Fuss ein Herr, in seiner Sommerfrische auch fähig zum kalten Lächeln.
Merkwürdig, welche Bilder durch ein Wort im Kopf konserviert werden können. Bilder einer wohl doch untergegangenen Zeit. Hilft der Sommerfrische heute aber eine sprachliche Frischzellenbehandlung?
Würde damit auch die weibliche und die männliche Form wieder lebendig: die Sommerfrischlerin und der Sommerfrischler? Wie aktuell die Frage ist, ergibt sich nach mir verfügbaren Quellen daraus, dass in den für den ganzen deutschen Sprachraum wegweisenden Sprachleitfaden für die Stadtverwaltung Bern, der auch den Fussgänger- durch den Zebrastreifen ersetzte, eine Regelung aufgenommen werden soll – absolut geschlechtergerecht. Nämlich: Sommerfrischling, für Männer und Frauen. Das wäre einmal mehr genial von den Berner Sprachhütern. Bisher war ja ein Frischling nur ein Schwein. Ein Wildschwein. Jung, männlich, oder jung, weiblich. Ein Wort – für beide Geschlechter. Lassen wir uns von Bern überraschen. Ich meinerseits geniesse es, dass derzeit der Sommer frisch ist.