Emotion und emotionale Kompetenz
Mit dem Deutungsmusteransatz (Arnold 1985) vollzog die erwachsenenpädagogische Debatte der 1980er Jahre eine endgültige Abkehr von mehr oder weniger deutlich normativ aufgeladenen Konzepten gelingender Bildung. Hatten sich bereits die emanzipatorischen Ansätze (z.B. in der Tradition der → Arbeiterbildung) stärker an der Befähigung zur Gestaltung der gesellschaftlichen Praxis als an der Erreichung externer Bildungsnormen orientiert, so vollzog der Deutungsmusteransatz eine noch deutlichere Orientierung an lebensweltlichen und gesellschaftlichen Erfahrungen. Pate standen phänomenologische und wissenssoziologische Konzepte; erst in einem zweiten Schritt wurde auf konstruktivistische Konzepte zurückgegriffen (Arnold/Siebert 2005), wobei bereits wesentliche Aspekte einer autopoietischen Wende des Deutungsmusteransatzes in den Blick gerieten, ohne dass jedoch die innere Systemik des Sich-in-der-Welt-Orientierens mit ihren kognitiven und emotionalen Bestandteilen schon vollständig ausgelotet wurde. Damit wirkte sich auch im Deutungsmusteransatz das kognitivistische Bias der Erwachsenenpädagogik aus, das darin begründet liegt, dass ihr ein Begriff des Emotionalen weitgehend fehlt. Ihre implizite Lerntheorie ist die eines „Begreifens“, in der sich der aus der Aufklärung hergeleitete Anspruch ausdrückt, dass eine Differenzierung von Deutungsmustern und Sichtweisen auch schon per se mit einem Lernfortschritt im Sinne einer gewandelten Handlungskompetenz verbunden sei – ein Anspruch, der gerade in Anbetracht der früh eingespurten emotionalen Gewissheitsbasis hinterfragt werden muss, scheint doch „Gewissheit“ eine eher emotionale als allein erkenntnisgetragene Befindlichkeit auszudrücken. Diese innere Logik erwachsenenpädagogischer Interaktion ist bis zum heutigen Tage in der Erwachsenenbildungsforschung noch überhaupt nicht in den Blick gerückt worden, sieht man einmal von den Vorarbeiten von Tobias Brocher (Brocher 1967), der „affektiven Bildung“ von Alexander Mitscherlich* (1963) sowie vereinzelten Arbeiten von G. Holzapfel und Wiltrud Gieseke ab, die zwar in der EB vereinzelt rezipiert, aber in ihrem Kern nicht wirklich aufgegriffen worden sind).
Dass Einsicht allein bereits selten veränderungswirksam ist, zeigt nicht nur die neuere emotionspsychologische Forschung, auch bereits die Dissonanztheorien wiesen darauf hin, dass der Mensch die Wirklichkeit so sieht bzw. sehen „muss“, wie er sie aushalten kann. D.h. Deutungen und Interpretationen der Welt streben „in sich“ nach einer Konsistenz, sie streben aber darüber hinaus auch nach einer emotionalen Stimmigkeit – eine Hypothese, der in der bisherigen erwachsenendidaktischen Forschung noch nicht genügend Aufmerksamkeit gewidmet worden ist. Geht man davon aus, dass unsere Gefühle unser ursprünglicher Verstand sind, so kann man – systemtheoretisch informiert – in der erwachsenenpädagogischen Theoriebildung nicht länger davon abstrahieren, dass sich psychische Systeme durch Gedanken und Gefühle hervorbringen und entwickeln. Dies bedeutet, dass die Relativität der Weltsicht auch vor dem Hintergrund der früh eingespurten emotionalen Muster gesehen werden muss. Menschen rekonstellieren Emotionsmuster insb. in leistungsthematischen Situationen, in denen es um den Umgang mit Angst und Unsicherheit geht, aber auch im Umgang mit Autoritäten. Beide Elemente konstituieren auch erwachsenenpädagogische Situationen. So wird der Lehr-Lernzusammenhang auch dann als eine autoritätsstrukturierte Situation aufgefasst, wenn Lehransprüche professionell zurückhaltend artikuliert und teilnehmerorientiert ein didaktisch offenes Vorgehen zu realisieren versucht wird. Übersehen wird dabei oft, dass solche Absichten einen emotionalen Hintergrund mobilisieren, der ambivalent auf Autorität eingestellt ist. Diese wird häufig – als strukturierende Vorgabe oder expertenschaftlicher Input – von den → Teilnehmenden erwartet und den Kursleitenden auch bisweilen geradezu abgenötigt, doch gleichzeitig möchte man die mit Autoritätserleben bildungsbiographisch verbundenen Erinnerungen oder gar Traumatisierungen meiden und selbstgesteuert handeln.
Solche Tendenzen sind unbewusst in der Person früh angebahnt. In ihnen rekonstellieren sich die frühen Erfahrungen im Umgang mit Gesehenwerden und dem, was das Subjekt dafür mit welcher Anstrengung und Verbiegung zu tun gelernt hat. Diese früh gelernten Programme kommen im späteren Leben häufig nicht mehr zur Ruhe, sie springen auch in strukturähnlichen Situationen an. Solche strukturähnlichen Situationen gibt es auch in der EB: Sie sind etwa dann gegeben, wenn ein Teilnehmender einen verzweifelten Machtkampf gegen die Vorschläge und Vorgaben des Kursleitenden startet, oder wenn ein Kursleiter überwertig auf den Eigensinn bzw. „(Lern-)Widerstand“ der Teilnehmenden reagiert. Dabei springt bei ihm vielleicht auch wieder seine Grunderfahrung mit dem „Nicht-Gesehen-Werden“ in seinem Herkunftskontext an und bestimmt den Entschiedenheitsgrad oder den Rigorismus seiner Reaktion. Diese Hinweise verdeutlichen, dass auch in der EB zahlreiche Verhaltens- und Interaktionsformen nichts mit den konkreten Situationen zu tun haben, sondern in ihrem Kern und ihrem Ablauf ganz wesentlich von dem Anspringen solcher früh geprägter Konstellierungen bestimmt sind. Auch in der EB gibt es somit das emotionale Echo, d.h. die Dynamik und Handlungslogik des Geschehens ist auch – und in ganz entscheidendem Maße – von der inneren Logik des seelischen Überlebens- und Anerkennungskampfes der Beteiligten bestimmt. Sie rekonstellieren in strukturähnlichen Lernsituationen ihre Komplexprägungen, d.h. ihre Muster des Umgangs mit Anerkennungs- Beziehungs- und Leistungsthematiken.
*Er wuchs in einen großbürgerlichen Haus auf und studierte zunächst Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie an der Universität München. Er brach aber das Studium aufgrund von Streitigkeiten um seine Dissertation ab, da sein Doktorvater Paul Joachimsen, ein getaufter Jude, 1932 verstarb und dessen antisemitischer Nachfolger Karl Alexander von Müller sich weigerte, Arbeiten seines Vorgängers weiter zu betreuen. Ernst Jünger motivierte ihn dazu, nach Berlin zu ziehen, wo er sich der nationalrevolutionären Bewegung von Ernst Niekisch anschloss. Als Buchhändler in Berlin-Dahlem vertrieb er dessen Schriften und die Zeitschrift Widerstand. Zeitschrift für nationalrevolutionäre Politik, wodurch er ins Visier der SA geriet, die ihn 1933 kurzzeitig inhaftierte. Mitscherlich, der später sagen sollte „Zu viel Freizeit kann dazu führen, dass die Menschen in Zukunft dazu übergehen, das zu tun, was sie schon immer getan haben, nämlich sich gegenseitig umzubringen“, emigrierte 1935 in die Schweiz und begann, Medizin zu studieren. 1937 ging er trotz seiner Erfahrungen mit dem NS-Regime nach Nürnberg und wurde für 8 Monate von der Gestapo in Haft genommen. Nach der Freilassung blieb er in Deutschland und setzte sein Medizin-Studium fort und heiratete ein zweites Mal. 1939 legte er das Staatsexamen ab, promovierte 1941 in Heidelberg bei Viktor von Weizsäcker und arbeitete anschließend als Neurologe in dessen Kliniken. 1946 beauftragten ihn die Ärztekammern der drei Westzonen mit der Leitung einer Kommission zur Beobachtung der „NS-Ärzteprozesse“ in Nürnberg mit dem Auftrag, „alles zu tun, um den Begriff der Kollektivschuld von der Ärzteschaft in der Presse und in der Öffentlichkeit abzuwenden“. Im März 1947 erschien seine Dokumentation Diktat der Menschenverachtung: Der Nürnberger Ärzteprozeß und seine Quellen, in der er allerdings, erschüttert von den Grausamkeiten, von denen er in den Prozessen erfahren hatte, über die Verbrechen deutscher Mediziner in den Konzentrationslagern berichtete. Um seine Erschütterung auch philosophisch zu verarbeiten, brauchte er 20 Jahre, bis er zusammen mit seiner Frau Margarete 1967 Die Unfähigkeit zu trauern veröffentlichte. Ab 1947 war er Herausgeber der Zeitschrift Psyche und gründete 1949 die Abteilung Psychosomatische Medizin an der Universität Heidelberg. Zudem beteiligte er sich aktiv am Versuch der Aufarbeitung der Beteiligung deutscher Ärzte an nationalsozialistischen Verbrechen. Von 1960 bis 1976 leitete Mitscherlich das von ihm gegründete Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt am Main. Von 1973 bis 1976 hatte er eine Professur an der Universität Frankfurt. Als Architekturkritiker (Die Unwirtlichkeit unserer Städte) entspricht seine Bedeutung der von Jane Jacobs. Mitscherlich war Mitbegründer und langjähriges Mitglied der 1961 begründeten Bürgerrechtsorganisation Humanistische Union. 1969 erhielt Mitscherlich den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 1973 den Kulturellen Ehrenpreis der Landeshauptstadt München.
