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Dienstag, November 16

mu

Mu (jap. 無) oder wú (chin. 無 / 无), ist ein Wort, das man im Deutschen ungefähr mit nicht(s) oder ohne übersetzen kann. Es wird typischerweise als Präfix verwendet, um die Abwesenheit von etwas anzuzeigen (z. B. 無線, musen „drahtlos“). Jedoch gibt es das Wort Mu auch für sich allein genommen. Dieses extrem häufige Zeichen, das unter anderem einen der Schlüsselbegiffe der buddhistischen, besonders der Zen-Schule, darstellt, nämlich die Leere, wird in modernem Standard-Mandarin (MSM) als wu gesprochen, japanisch mu. Die früh-sinitische Aussprache war etwa myag. Damals stand es für viele (40) Leute im Wald. In der frühesten bisher bekannten Form (ca. 1100 v.u.Z.) mit der heutigen Bedeutung stellt ein solches Zeichen jedoch eine tanzende Figur, der lange Quasten aus den Ärmeln hängen, dar, mithin schamanistischen Tanz. Es setzt sich in der heute geschriebenen Form aus Komponenten für ein kinematisch unbestimmtes Objekt über Feuer zusammen, mit denen es ursprünglich nichts zu tun hatte. Erst in späterer Zeit wurden zwei gleichlautende Worte für dieses Zeichen übernommen, wobei jedoch die zugrundeliegende philosophische Bedeutung erhalten blieb.

„Mu“ in Kōans
Mu ist eine berühmte Antwort in Kōans und anderen Fragen des Zen-Buddhismus und verweist den Fragenden auf die Natur seines eigenen Geistes, dem die Frage entsprungen ist („Hat ein Hund die Buddhanatur?“). Sie stellt gewissermaßen zugleich eine Antwort und eine Nicht-Antwort dar. Eine simple Interpretationsmöglichkeit von „Mu“ als Antwort wäre: „Diese Frage entspringt einem dualistischen Geist, hat in Wirklichkeit keinen Sinn (bzw. ist somit falsch gestellt) und kann daher sinnvollerweise nicht mit ja oder nein beantwortet werden“ oder etwa „Aus unendlich vielen Standpunkten könnte man eine These einleiten, um deine Frage zu beantworten, alle Möglichkeiten schließen sich nicht aus, entspringen also letztlich mehr der Phantasie und bringen dich nicht weiter; ferner verblenden dich“.

„Wu“ als Leere des Geistes
Wu ist außerdem ein Begriff, der in der chinesischen Philosophie und im Wushu (chin. Kampfkünste) für die Leere des Geistes benutzt wird. (Dabei ist die Silbe Wu (武) im Wort Wushu selbst nicht mit dem hier behandelten Wu identisch, sondern lediglich homophon.)
Im Wushu wird versucht, den Zustand Wu sowohl im Training als auch im Kampf zu erreichen. Um dies zu schaffen, wird versucht, den Geist sowohl von Gedanken als auch von Gefühlen zu leeren. Ist der Geist beim Lernen gefüllt von Gedanken, so kann er nichts weiter aufnehmen, ist er im Kampf gefüllt mit Gedanken oder Emotionen, so kann man nicht im Sinne von Wu wei handeln.

Der Begriff Wu wei (chin. 無爲 / 无为, wúwéi bzw. oft auch als chin. 爲無爲 / 为无为, wéi wúwéi bezeichnet) stammt aus dem Daoismus. Er wird definiert als Nichthandeln im Sinne von „Enthaltung eines gegen die Natur gerichteten Handelns“. Der Begriff Wu Wei begründet sich aus der daoistischen Auffassung vom Dao, dem umfassenden Ursprung und Wirkprinzip, das die Ordnung und Wandlung der Dinge bewirkt, so dass es nicht weise wäre, in das Walten dieses Prinzipes einzugreifen. Die letzte Wahrheit ist gemäß dieser Lehre eins und handelt spontan, ohne dass der Geist des Menschen in sie eingreifen müsste. Die Rückkehr zum Ursprung kann nur erfolgen, wenn das dualistische Denken aufgegeben wird und die Handlungen natürlich und spontan erfolgen. Wu Wei bedeutet nicht, dass man gar nicht handelt, sondern dass die Handlungen spontan in Einklang mit dem Dao entstehen und so das Notwendige getan wird, jedoch nicht in Übereifer und blindem Aktionismus, die als hinderlich betrachtet werden, sondern leicht und mühelos. Es ist ein Zustand der inneren Stille, der zur richtigen Zeit die richtige Handlung ohne Anstrengung des Willens hervortreten lässt. Das Vollkommene wird im Daoismus als leer, weich und spontan gedacht und entsprechend sollte auch das Handeln sein, d.h. ohne ein Eingreifen des dualistischen Intellekts, sich der Situation anpassend und intuitiv. Das vollkommene Handeln erkennt intuitiv das beste Mittel und es erscheint als sinnlos, seine Energie in unfruchtbaren Handlungen um der Handlung willen zu erschöpfen, sondern das Handeln sollte sich auf die geeigneten Umstände und Mittel beschränken. Die beste Übersetzung des Begriffes Wu Wei wäre somit „Nicht-Eingreifen“ bzw. „Handeln durch Nicht-Handeln“, und es handelt sich um eine Art von kreativer Passivität. Aus dieser Haltung des Geschehenlassens resultieren auch Gewaltlosigkeit und Widerstandslosigkeit als natürliche Folge. Der Begriff Wu Wei erschien in der chinesischen Philosophie zum ersten Mal im Daodejing und blieb ein Wesensmerkmal des Daoismus.

„Wenn du auf dem Wasser reisen willst, ist ein Boot dafür geeignet, weil ein Boot sich auf dem Wasser in geeigneter Weise bewegt. Wenn du aber an Land gehst, kommst du damit nicht weiter und wirst nur Ärger haben und nichts erreichen als dir selbst Schaden zuzufügen.“
– Zhuangzi XIV

„Niemals machen und doch bleibt nichts ungetan.“

„Der Edle tut es ohne Absicht.“
– Daodejing XXXVII

„Ohne Absicht bleibt doch nichts ungefördert; denn man ist nie im Zweifel, was man zu tun hat.“
– I Ging