Das Wort ist nichts als vibrierende Stille, zusammengefügt in einer augenblicklichen Handlung. Die Handlung muß wie ein Gebet sein, wenn sie hervorbringen soll, was man sie hervorzubringen wünscht. Sogar um "'Blume"' zu sagen, geschweige denn "'Rama"', muß man in der Lage sein, es auf solche Art zu sagen, daß die Kraft der Vokabel die Macht hat, die Blume zu erschaffen. Wenn das Wort nicht mantra wird, ist kein Schriftsteller ein Schriftsteller und kein Leser ein Leser.
Durga ~ Heute Liebe, morgen Rache
Wenn in indischen Filmen von „der Göttin“ die Rede ist, ist in der Regel Durga damit gemeint. Wobei sich die Verfasser der deutschen Synchronisationen mit der Göttin schwer tun, alles Göttliche/Heilige wird oft schlicht mit „Gott“ übersetzt. Ein Grund mehr, die Filme auf Hindi mit Untertiteln zu sehen, die sind dichter am Originaltext und erklären Manches, das in der Synchronisation verwirrend ist. Durga ist die wohl populärste Göttin im Hinduismus und in dieser Form keinem Mann zugeordnet. Ihr Mythos berichtet von dem Dämon Mahishasura, der nur von einer Frau getötet werden konnte. Er wurde immer arroganter, terrorisierte mit seiner Armee Himmel und Erde und wollte schließlich Herrscher des Himmels werden. Alle sollten ihn anbeten. Die Götter und himmlischen Wesen (Devas) wurden so zornig, dass sich das Licht, das ihre Körper ausstrahlten, vereinigte und die Gestalt einer Frau annahm: Durga entstand. In ihre vielen Arme gaben die Götter ihr die eigenen Waffen: Shivas Dreizack, Vishnus Diskus usw. Von der Sonne erhielt sie die Strahlen, die aus ihr leuchten, vom Himalaya einen Löwen (manchmal auch: Tiger) als Reittier. Sie kämpfte mit dem Dämon, der ständig andere Tierformen annahm und besiegte ihn in seiner ursprünglichen Büffelform. Der Büffel steht als Symbol für Kraft, Verblendung, Egoismus und geistigen Tod, die anderen Tierformen für die sechs Übel (etwa wie die christlichen Todsünden): Begierde/Unzufriedenheit, Zorn, Geiz, Verblendung, Hochmut, Neid. Durgas Sieg wird Ende September/Anfang Oktober mit der viertägigen ‚Durga Puja’ gefeiert. In Nordindien schließt sich direkt das Dussehra-Fest an. Eine zentrale Rolle spielt Durga in dem Film ‚Heute Liebe, morgen Rache’. Obwohl ich Action- und damit auch Rachefilme überhaupt nicht mag, hat mich die Verknüpfung von Filmgeschichte und Religion auch hier fasziniert. Der Film beginnt damit, dass sich der reiche Vijay in die Stewardess Shivani verliebt. Er verfolgt und belästigt sie mit seiner Aufmerksamkeit – was erst mal normal ist für indische Filme, wo Werbung und Stalking schwer auseinander zu halten sind. Diese sehr eigenartigen Liebeswerbungen erklären sich vermutlich damit, dass eine tugendhafte Frau bis nach der Hochzeit kein Interesse an Männern zeigen darf (und danach natürlich auch nur an ihrem Ehemann). In diesem Film hat Shivani einen Verlobten, um klarzumachen, dass Vijays Annäherung unwillkommen ist. Wie der Dämon steigert sich Vijay in der Arroganz seiner Verfolgung, bis er gewalttätig wird – und dabei fordert, sie solle sagen, dass sie ihn liebe. Schließlich hat Shivani alles verloren, was sie im Leben liebte – Mann, Tochter, Schwester, ungeborenes Kind sind von Vijay und seinen Helfern ermordet worden – und sie sitzt unschuldig im Gefängnis. Nachdem sie durch Prügel die Fehlgeburt erleidet, wandelt sie sich von der Duldenden zur Rächerin: „Wisch diese Tränen weg, die eine Frau schwach machen. Weißt du, warum eine Frau zum Gegenstand von Quälereien wird? Weil sie alles erduldet. Aber was die Menschen nicht wissen, ist, dass die erduldende Kraft einer Frau wie Mutter Erde ist, die alle Arten von Grausamkeiten in sich birgt. Aber wenn ihr Zorn seine Grenze erreicht, zerstört er jeden. Menschen sehen eine Frau als Mutter, Schwester und Tochter, aber nie in Gestalt der Göttin Durga.“ Shivanis Freundin im Gefängnis erreicht, dass alle Frauen gemeinsam eine Durga-Puja feiern dürfen. Während des Rituals wendet sie sich vom Göttinnenbild ab und singt Shivani direkt an: „Heil sei dir, Göttin Durga“. Sie bläst in ein Muschelhorn, und während Shivani mit ihrem Rachefeldzug beginnt, singen die Frauen: „Sie befreit die Welt von Sünden und erhält Gerechtigkeit. Eine Frau fürchtet nicht das Gesetz oder die Konsequenzen.“ Shivani tötet zuerst Vijays Helfer, so die Gefängnisdirektorin, die daran verdiente, das sie die Gefangenen zur Prostitution zwang (das Übel der Begierde) und ihren Schwager, dem es zu teuer war, ihre Tochter aufzuziehen (Symbol für den Geiz). Als sie Vijay findet, ist er krank, so dass sie ihn erst pflegen, sprich: in seine wahre Gestalt zurückverwandeln muss, bevor sie ihn töten kann. Dazu nimmt sie ihn mit in einen Durga-Tempel, treibt ihn mit Durgas Dreizack über einen Abhang. Als er sich an ihr festhält, stürzt sie sich selbst mit ihm hinunter. „Dein Tod ist wichtiger als mein Leben.“ Wahrlich göttliche Konsequenz!
Kali ~ Karan Arjun
Wie bei allen indischen Gottheiten sind in der mehrtausendjährigen Geschichte ihrer Verehrung viele widersprüchliche Mythen über Kali entstanden. Für mich ist das Spannendste an Kali die Idee, dass Tod zur Erhaltung des Lebens dient. Nach einem Mythos soll sie aus Durgas Braue entsprungen sein, um die Dämonenarmee zu töten und wird deswegen als kraftvollste Verkörperung Durgas gesehen. Die meisten Darstellungen zeigen Kali mit schwarzer Haut (ihr Name bedeutet sowohl „Schwarz“ als auch „Zeit“) und vier Armen. Zwei der Arme halten ein Schwert und einen abgeschlagenen Kopf, weil sie der Tod ist, dem niemand entgehen kann. Die beiden anderen Hände werden meist in einer Segensgeste gehalten, zum Zeichen, dass sie ihre Anhänger rettet und führt. Sie trägt eine Kette aus 51 Köpfen, die nicht etwa Tote darstellen, sondern die Buchstaben des Sanskrit, von denen jeder einen anderen Aspekt ihrer Energie repräsentiert: sie ist die Mutter der Sprache und der Mantras. Ihre Zunge ist blutig, weil sie das Blut der Dämonen trank, damit es nicht auf die Erde fallen und diese zerstören konnte. Weil ihre Kraft so groß ist, dass sie alles zerstören kann, hat sich ihr Gefährte Shiva wie tot unter ihren Fuß gelegt, um ihren Tanz aufzuhalten. Sie ist die reine Energie, jenseits aller Eigenschaften, die weiterbestehen wird, wenn das Universum vergeht. In Europa wird Kali oft mit dem Dämon der Zerstörung verwechselt, weil beide Namen in der lateinischen Umschrift gleich geschrieben werden, obwohl sie im Sanskrit unterschiedlich geschrieben und ausgesprochen werden: die Göttin mit langen ‚a’ und ‚i’, der Dämon mit kurzem ‚a’ und ‚i’. Heutzutage wird Kali in Indien meist als beschützende Muttergottheit verehrt. Bezug auf Kali nimmt ein weiterer Rache-Film: ‚Karan Arjun’. Er beginnt mit dem Vorspann: „Dies ist eine Geschichte über Glauben. Glauben, der das Unmögliche möglich macht.“ und erzählt die Geschichte von Durga (indische Namen haben meist eine Bedeutung, auch in der Realität werden Kinder nach Göttern und Helden benannt). Ihr Schwager hat ihr Vater, Großvater und Erbe genommen. Als der Schwager auch ihre Söhne, Karan und Arjun (benannt nach zwei Helden aus dem Mahabharata-Epos) ermorden lässt, wendet sich Durga im Tempel an Kali und fleht sie an „Du bist auch eine Mutter. Und eine Mutter kann nicht die Gebärmutter einer anderen zerstören. Meine Söhne sind Gaben, die ich von dir empfangen habe. Du kannst ein einmal gegebenes Geschenk nicht zurücknehmen. Du musst meine Söhne zurückgeben. Gib mir meine Söhne zurück, Mutter!“
Sie schlägt die Stirn auf den Altar, bis die Tempelglocken (die die Gläubigen sonst benutzen, um die Gottheiten auf sich aufmerksam zu machen) von allein anschlagen. Zwanzig Jahre verliert sie ihren Glauben nicht, dass ihre Söhne zurückkommen und Rache nehmen werden. Eine so unbedingte Konzentration auf ein Ziel hatte auch Shivani in ‚Heute Liebe, morgen Rache’.
Während die Tempelglocken anschlagen, werden Durgas Söhne weit entfernt wiedergeboren. Als sie erwachsen werden, haben sie immer widerkehrende Erinnerungs-Flashbacks an ihr früheres Leben. Sie finden sich, kehren zu Durga zurück und vollziehen die Rache.
Sita und Rama
Am häufigsten tauchten in den Filmen Bezüge zum Gott/Helden Rama auf. Ich gebe erst eine Kurzfassung des Mythos (er ist aufgeschrieben im ‚Ramayana’) und gehe dann auf einige Filme ein. Zunächst die Vorgeschichte: Verwirrend und gewöhnungsbedürftig ist, dass alle Personen gleichzeitig auch noch jemand anders sind): Die Erdgöttin kommt zum Schöpfergott Brahma und klagt, dass sie geplündert und Leben zerstört werde. Am schlimmsten sei der zehnköpfige Dämon Ravana. Brahma und die Erdgöttin bitten Vishnu, den Welterhalter, um Befreiung von dem Tyrannen Ravana. Vishnu verspricht, Ravana zu töten, indem er als Mensch auf die Erde kommt: als Königssohn Rama. Vishnus Frau Lakshmi und sein Freund Ananta Sesha wollen Vishnu nicht verlassen. Ananta Sesha kommt als Ramas Bruder Lakshman auf die Erde, Lakshmi als Prinzessin eines Nachbarreiches mit Namen Sita. Bis kurz vor Schluss der Geschichte weiß niemand, dass sie Götter sind. Sie gelten allerdings als ideale Menschen und Verkörperung aller Tugenden: Mitgefühl, Mut, Ergebenheit gegenüber religiösen Werten und Pflichten. Die Hauptgeschichte: Sita ist ein Findelkind, das in einer Ackerfurche entdeckt wird und deswegen als Tochter der Erdgöttin gilt ('Sita' bedeutet 'Furche'). Sie wird von einem Königspaar erzogen. Um einen Mann für sie zu finden, stellt der König als Prüfung, dass ein König den Bogen des Gottes Shiva spannen kann. Bei der Prüfung zeigt Rama übermenschliche Kraft, indem er den Bogen zerbricht, als er ihn spannen will. Dadurch gewinnt er Sita als Ehefrau. Rama beweist seine Tugendhaftigkeit, als er in den Wald ins Exil geht, damit sein Vater ein gegebenes Versprechen halten kann: die Sohnespflicht ist ihm wichtiger, als selber König zu werden. Lakshman und Sita begleiten ihn, während der König aus Trauer über den Verlust des Sohnes stirbt. Sita wird von Ravana, der sie auch heiraten wollte, gekidnapped und Rama braucht ein Jahr, bis er sie findet. Er kann sie befreien, nachdem er Ravana mit einem Pfeil erschossen hat. Das fällt zeitlich mit dem Ende seines Exils zusammen, Rama kann zurückkehren und wird zum König gekrönt. Da es aber öffentliche Zweifel daran gibt, ob Sita in dem Jahr auch keusch geblieben war, unterzieht sie sich einer Feuer-Prüfung: Sie besteigt einen Scheiterhaufen und bleibt als Zeichen ihrer Reinheit unverletzt. Die Untertanen zeigen sich unbeeindruckt, und da Rama seine Königspflicht über die Liebe stellt, muss Sita zurück ins Exil und Rama einsam leben. Da ist Sita aber schon von Rama schwanger. Sita wohnt in einer Einsiedelei, bringt Zwillingssöhne zur Welt und zieht sie alleine auf. Als Rama seine Söhne anerkannt hat, bittet Sita die Erdgöttin um Erlösung aus einer ungerechten Welt; eine Erdspalte öffnet sich und nimmt sie auf. (In der Mythologie ist jede Etappe dieser Rahmenhandlung eine eigene Geschichte mit Widersachern, Helfern, Kriegen, Anrufungen und Interventionen von Gottheiten.)
Feste und Filme zur Geschichte von Rama und Sita:
(Filme: ‚Swades - Heimat', ‚In guten wie in schweren Tagen', ‚Fire’)
Dussehra ist ein mehrtägiges Fest. An einem Tag werden die Werkzeuge geehrt, mit denen man den Lebensunterhalt verdient ('das Göttliche in den Werkzeugen sehen'), einer ist der traditionelle Einschulungstag. Mythologisch wird Ramas Sieg über Ravana begangen: wie er mit Pfeil und Bogen den zehnköpfigen Dämon besiegt und Sita befreit. Im Film ‚Swades - Heimat' heißt die weibliche Hauptperson Gita, was ja schon auf Sita verweist, die männliche Hauptperson, Mohan, lebt in Amerika, was das Exil-Thema aufgreift. Sie treffen sich in einem Dorf, bei dem die Fußspuren von Sita und Rama in einem Stein zu sehen sind, treten also in deren Fußstapfen. Gita als Lehrerin wird 'gefangengehalten' von Traditionen, die verhindern, dass ältere Mädchen oder Kinder niedriger Kasten zur Schule gehen dürfen. Das Kastenwesen bedingt, dass sich Menschen den Beruf nicht frei wählen dürfen (auch wenn sie im ererbten Beruf verhungern) und die Werkzeuge, mit denen die meisten ihren Lebensunterhalt verdienen, gering geschätzt werden. Im Film wird die Feier des Dussehra-Festes gezeigt, mit einer Aufführung des Kampfes von Rama und Lakshman gegen Ravana und seine Helfer. Dabei spielt Gita Sita, die an ihrem Glauben an Rama festhält, egal wie sehr Ravana sie umwirbt. Mohan nutzt die Gelegenheit, um davon zu singen, dass Rama und Ravana das Gute und Böse in uns selbst sind, und dass dieser Kampf in uns selbst stattfinden muss. Wenn man genau hinsieht, sieht man die zehn Köpfe der Ravana-Figur, ein großer Mittelkopf und die kleinen wie eine Stange Ohren zu beiden Seiten. Durch diese Aufführung finden die Dorfbewohner das Gute in sich selbst, und am nächsten Tag dürfen auch die Mädchen und die armen Kinder in die Schule kommen. Mohan baut mit den einfachen Arbeitern eine wassergetriebene Turbine (i. e. ein Rad: das zentrale Symbol des Hinduismus), so dass das Dorf Strom bekommt und ein neuer Stolz auf die Arbeit und die Werkzeuge entsteht.
Das Diwali-Fest findet zu Neumond Ende Oktober/Anfang November statt. Wie viele der Feste ist es mehrtägig, der zweite Tag gilt als Geburtstag der Göttin Lakshmi und hat so einen Bezug zu Sita. Lakshmis Segen ist unerlässlich für ein wohlhabendes, fruchtbares und friedliches Leben. Anlass des Diwali-Festes ist, dass Rama heimkehrte und zum König gekrönt wurde. Das Volk entzündete Lichter, um dem heimkehrenden Rama den Weg zu weisen. Ursprünglich waren das Öllichter und Kerzen, heutzutage feiert man Diwali auch mit elektrischen Lichterketten. Am dritten Tag des Festes bewegen Ehefrauen ein Tablett mit Lichtern segnend um den Kopf ihrer Ehemänner herum, was diesen Glück bringen soll. Diese Szene bildet den Anfang des oben schon erwähnten Filmes ‚In guten wie in schweren Tagen'. Er erzählt die Geschichte einer Familie mit zwei Söhnen. Der Älteste wird vom Vater verstoßen, weil er sich seine Ehefrau selbst aussucht, anstatt die vom Vater Ausgewählte zu heiraten. Er zieht mit seiner Familie nicht in den Dschungel, sondern nach London, was jedoch nach Meinung seiner Frau ein ähnlich unzivilisierter Ort ist. Die zurückgebliebene Familie leidet unter der Trennung, bis sich der jüngere Sohn auf die Suche nach dem Bruder macht und ihn Schritt für Schritt dazu bringt, wieder nach Hause zurückzukehren – das Rama-und-Lakshman-Motiv. Besonders erfreulich finde ich, dass der Vater erst seine Meinung ändert, nachdem ihm seine Frau die Meinung geigt: „Ich habe danach gelebt, dass der Ehemann für eine Frau ein Gott ist. Aber Götter machen keine Fehler, und dass du unseren Sohn verstoßen hast, war ein Fehler.“ Das 'Rama und Lakshman'-Thema (Exil von Rama und Lakshman, ihr Kampf und Sieg über den Dämon Ravana) taucht auch im Film ‚Ich bin immer für dich da’ auf: Die Filmhelden heißen gleich Ram und Lucky/Lakshman und ihr Gegner ist der Terrorist Raghavan. Im ‚Exil’ sind hier Lucky und seine Mutter (letztere verließ ihren Mann, als sie von seinem unehelichen Sohn Ram erfuhr). Der Vater von Ram und Lucky betreibt die Aussöhnung zwischen Indien und Pakistan, was der Terrorist Raghavan verhindern will, indem er Rams Vater umbringt und droht, auch die Schülerin Sanjana zu ermorden. Ram hat jetzt die Doppelaufgabe, Kontakt zu seinem unbekannten Bruder herzustellen und Sanjana zu beschützen. Dazu geht er als Schüler auf deren College, bringt seinen Bruder dazu, sich vom Hippie in einen ordentlichen Inder zu verwandeln und einzusehen, dass Sanjana eine viel bessere Ehefrau abgibt als seine bisherige Freundin in den ultrakurzen Minis. Wie im Mythos ermöglicht erst Lakshmans Eingreifen Rams Sieg über Raghavan – allerdings nicht mit Pfeil und Bogen, sondern indem er Ram beim Showdown mit einem Hubschrauber vom Schuldach rettet. Sitas Feuerprobe, also der Teil des Rama-und-Sita-Mythos, in dem Sita verdächtigt wird, nicht „rein“ geblieben zu sein und zur Prüfung auf einen Scheiterhaufen gestellt wird, ist das zentrale Thema in ‚Fire’. Er ist kein typischer „Bollywood“-Film, weil er auf Englisch gedreht wurde, für indische Verhältnisse kurz ist (107 Minuten) und keine gesonderten Tanzeinlagen hat. Dafür lief er schon in deutschen Filmkunst-Kinos, lange bevor indische Filme hier in Mode kamen. ‚Fire’ ist der einzige der beschriebenen Filme, in dem das religiöse Fest nicht als gesonderte Gesang-und-Tanz-Szene dargestellt wird, sondern in die Spielfilmhandlung einbezogen ist. Erzählt wird die Geschichte von Radha, die sich zunächst als gehorsame Ehefrau ihrem Mann fügt, obwohl der einen großen Teil des Einkommens aus dem Familienbetrieb – einem Imbiss, in dem Radha kocht – an seinen Guru weiter gibt. Nachdem klar ist, dass Radha keine Kinder bekommen kann, möchte ihr Mann besonders heilig sein, indem er keusch bleibt und sich weigert, mit Radha zu schlafen. (Bezeichnenderweise heißt dieser Mann Ashok, nach dem indischen König, der zunächst alles unterwarf und tötete, was er liebte, um dann ein Heiliger zu werden.) Das Motiv der Feuerprobe wird gleich zweimal in die Filmhandlung eingeführt: Radhas Schwiegermutter sieht diese Szene des Ramayana auf ihrem Lieblingsvideo und Ashok bei einer Theateraufführung. Diese Szenen zeigen, wie die Mythen es schaffen, im indischen Alltag lebendig zu bleiben.
Radhas Lage ändert sich erst, als sie eine junge Schwägerin bekommt, die Sita heißt wie die Götttin. Sita wird ebenfalls von ihrem Mann vernachlässigt, ist aber nicht bereit, das klaglos hinzunehmen. Sita sucht Nähe und Zärtlichkeit bei Radha, die beiden werden ein Liebespaar. Als sie entdeckt werden, schlägt Ashok Radha und ihr Sari fängt Feuer. Im Gegensatz zu den Inderinnen, denen das im realen Leben geschieht, weil die Familie des Mannes mit ihrer Mitgift nicht einverstanden ist, überlebt Radha unverletzt, als Zeichen, dass ihre Liebe keine Sünde ist, „ohne Begehren gibt es kein Leben“. Radha und Sita verlassen die Familie und beginnen ein gemeinsames Leben. In der Mythologie ist Radha die Geliebte Krishnas, die ihm die Treue hält, obwohl er mit einer anderen verheiratet ist. Beide sind ebenfalls Inkarnationen von Lakshmi und Vishnu.
Dass sich Frauen nur sexuell zueinander hingezogen fühlen, wenn ihre Männer sie nicht befriedigen, entspricht traditionellem indischen Denken (und ist in Europa als Argument auch nicht unbekannt). Wie schon Ramas Untertanen ließen sich ultrakonservative Inder nicht von der Feuerprobe beeindrucken; sie griffen Kinos an, in denen der Film lief und sprachen Morddrohungen gegen die Autorin/Regisseurin Deepa Mehta aus.
Weitere religiöse Feste
(Filme: ‚Denn meine Liebe ist unsterblich’, ‚Wer zuerst kommt, kriegt die Braut’)
Holi ist ein Vollmond-Frühlingsfest. Am zweiten Festtag werden die Schranken durch Kaste, Geschlecht, Alter und Status aufgehoben, es wird ausgelassen gefeiert (erinnert an den europäischen Karneval) und man besprengt sich gegenseitig mit gefärbtem Wasser und buntem Puder. Wegen seiner Farbenpracht und dem erotischen Charakter des Festes kommt es öfter in Filmen vor, die Tanzenden sind dann weiß gekleidet und tragen bunte Schärpen.
An Holi sollen alte Streitigkeiten beendet werden. Am ersten Festtag wird eine Strohpuppe verbrannt, die die Dämonin Holika darstellt. Holika war im Mythos die Schwester eines Königs, der seinen Sohn dazu bringen wollte, ihn zu verehren, wie es eigentlich nur Gott zusteht. Als der Sohn sich weigerte und weiterhin nur den Gott Vishnu (den Welterhalter, der uns schon als Rama begegnete) verehrte, wollte der König ihn töten. Er ließ Holika, die durch besondere Kräfte vor Feuer geschützt war, mit dem Kind auf dem Schoß ins Feuer springen, damit er verbrennen sollte. Vishnu rettete jedoch den kleinen Prinzen und ließ Holika verbrennen. Eine zentrale Rolle spielt das Holi-Fest in dem Film ‚Denn meine Liebe ist unsterblich’. Er spielt in einem Jungen-College-Internat, dessen Schulleiter sein Wort zum göttlichen Gesetz erklärt hat (wie der mythologische König) und jeden Kontakt seiner Schüler zu Mädchen untersagt (womit er das Gesetz der Lebenserneuerung, den erotischen Aspekt des Holi-Festes, negiert). Vor Jahren hatte sich seine Tochter in einen seiner Schüler verliebt. Der Schulleiter wollte sich eigentlich des Schülers entledigen, indem er ihn von der Schule verwies, verlor statt dessen aber seine Tochter (wie der mythologische König seine Schwester), die sich das Leben nahm. Jetzt kommt der Schüler unerkannt als Musiklehrer in die Schule zurück, bewegt die Schüler, auf sich selbst zu vertrauen und Kontakt mit den von ihnen bewunderten Mädchen aufzunehmen (der 'Club der toten Dichter' lässt grüßen). Er will damit dem Tod der Geliebten einen Sinn geben, die als Geist immer noch bei ihm ist. An Holi kommt es zur Konfrontation zwischen Held und Schulleiter, anschließend zur Versöhnung.
An Karva Chauth (9 Tage vor Diwali) fasten verheiratete Frauen in Nordwest-Indien von Sonnen- bis Mondaufgang, um für ihre Männer Gesundheit, Wohlstand und ein langes Leben zu erbitten. Bei Mondaufgang bekommen sie von ihren Verlobten oder Ehemännern rituell Wasser und Nahrung.
Es gibt mehrere Legenden, wie Frauen durch Einhalten aller Rituale dieses Tages ihre Männer gerettet haben. Die Frauen stehen vor Sonnenaufgang auf, kleiden sich festlich und frühstücken. Dann dürfen sie keinen Tropfen Wasser und keine Nahrung mehr zu sich nehmen. Die Frauen eines Haushalts/einer Nachbarschaft verbringen den Tag miteinander, spielen, beschenken sich und erzählen sich die Legenden. Verbunden damit ist der Brauch, dass eine Braut bei der Trauzeremonie (durch die sie ja ihre Herkunftsfamilie verliert und vielleicht lange nicht wiedersehen kann) eine 'Patenschwester' bekommt, eine Frau aus dem Dorf des Ehemannes, die nicht zur Schwiegerfamilie gehört, und deswegen immer auf Seiten der Frau steht. An Karva Chauth wird auch diese Verbindung unter Frauen gefeiert. Das Fastenbrechen wird in zwei Filmen benutzt, um die Beziehung zum Mann zu verdeutlichen: In ‚Wer zuerst kommt, kriegt die Braut’ täuscht Simran einen Ohnmachtsanfall vor, um von dem unerwünschten Verlobten kein Wasser annehmen zu müssen. Statt dessen lässt sie sich später von dem Mann füttern, den sie selbst gewählt hat.
In ‚Fire’ halten Sita und Radha das Fasten ein, aber ihre Männer kommen abends nicht heim, um ihnen zu trinken zu geben. So wird verdeutlicht, dass es nicht die Frauen sind, die ihre Eheversprechen brechen. Sie nehmen füreinander die Rollen der Ehemänner ein und reichen sich die vorbereiteten Becher.
Ganesh ~ Once Upon an Elephant
Für alle, die lieber lesen, als Filme zu sehen: In dem Roman ‚Once Upon an Elephant’ erzählt Ashok Mathur, was geschehen könnte, wenn sich die Geschichte des Gottes Ganesh im heutigen Kanada wiederholen würde. Im Mythos ist Ganesh der Sohn der Göttin Parvati, den sie aus sich selbst heraus erschafft. Als ihr Ehemann, der Gott Shiva, den schönen jungen Mann vor dem Badezimmer seiner Frau stehen sieht, fragt er nicht lange, sondern schlägt ihm mit dem Schwert den Kopf ab. Natürlich ist die Verzweifelung groß, als er merkt, was er da getan hat. Shiva sucht einen neuen Kopf für Ganesh und ein Elefant gibt freiwillig den eigenen Kopf. So entsteht die Gestalt des im Westen wohl bekanntsten Hindu-Gottes, der einen Elefantenkopf auf einem rundlichen Männerkörper hat. Da bei der Verwandlung ja ein Menschenkopf und ein Elefantenkörper übrig bleiben, ruft das heutzutage erst mal die Polizei auf den Plan, ein Gerichtsverfahren folgt, in dem Ganesh beweisen muss, dass gar kein Verbrechen stattgefunden hat. Das ergibt eine witzige und spannende Geschichte, die aus verschiedenen Perspektiven erzählt ist – unter anderem berichten die Ganesh-Statuen, die in verschiedenen Wohnungen stehen, welche Beziehungen sie zu den Menschen haben und wie sie die Alltagsrituale erleben. Es entsteht ein Gefühl dafür, wie viele verschiedene Personen/Gottgestalten ein Ganzes sein können. Und auch die Bollywood-Themen Romantik und Eltern kommen nicht zu kurz: der Detektiv und Ganeshs Pflichtverteidiger sind seit zwei Jahren ein Paar, aber bis der Detektiv seinen Liebsten bei den Eltern vorstellt, braucht es einige Unterstützung von Ganesh.





