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Donnerstag, September 16

wege

Du bist eine von uns Maria,
du bist eine von uns auf unserem Weg
Du gehst mit uns auf unseren Straßen
den steinigen Weg in der Spur deines Sohnes

3 sonnen

Christus ist ein Sonnengeist, ein Feuergeist

Sein Geist ist es, der sich uns im Sonnenlicht offenbart. Sein Lebensodem ist es, der in der Luft die Erde umspült und der mit jedem Atemzug in uns eindringt. Sein Leib ist die Erde, auf der wir wohnen. Tatsächlich nährt Er uns mit Seinem Fleisch und Blut, denn was wir auch aufnehmen an Speise, es ist von der Erde, aus Seinem Leibe genommen.
Wir atmen Seinen Lebenshauch, den Er uns durch die Pflanzendecke der Erde zuströmt.
Wir schauen in Seinem Lichte, denn das Licht der Sonne ist Sein Geistes-Strahlen. Wir leben in Seiner Liebe, auch physisch; denn was wir an Wärme von der Sonne empfangen, ist Seine geistige Liebeskraft, die wir als Wärme empfinden.
Und unser Geist wird von Seinem Geiste angezogen, wie unser Leib gefesselt ist an Seinen Leib.
Darum muss unser Leib geheiligt werden, weil wir auf Seinem Leibe wandeln. Die Erde ist Sein heiliger Leib, den wir mit den Füßen berühren. Und die Sonne ist die Kundgebung Seines heiligen Geistes, zu der wir aufschauen dürfen. Und die Luft ist die Kundgebung Seines heiligen Lebens, das wir in uns aufnehmen dürfen.
Damit wir uns unseres Selbst, unseres Geistes bewusst würden, damit wir selbst Geistwesen würden, opferte sich dieser hohe Sonnengeist, verließ Seine königliche Wohnung, stieg herab aus der Sonne und nahm physische Gewandung an in der Erde. So ist Er physisch in der Erde gekreuzigt.
Er aber umspannt geistig die Erde mit Seinem Licht und Seiner Liebeskraft, und alles, was darauf lebt, ist Sein Eigentum. Er wartet nur darauf, daß wir Sein Eigen sein wollen. Geben wir uns Ihm ganz zu eigen, so gibt Er uns nicht nur Sein physisches Leben, nein, auch Sein höheres, geistiges Sonnenleben. Dann durchströmt Er uns mit Seinem göttlichen Lichtgeist, mit Seinen wärmenden Liebesstrahlen und mit Seinem schöpferischen Gotteswillen.
Wir können nur sein, was Er uns gibt, wozu Er uns macht. Alles, was an uns dem göttlichen Plan entspricht, ist Sein Werk. Was können wir dazu tun? Nichts, als Ihn in uns wirken lassen. Nur, wenn wir Seiner Liebe widerstreben, kann Er nicht in uns wirken.
Wie könnten wir aber dieser Liebe widerstreben? Dem, der da spricht: «Ich habe Dich je und je geliebt und habe Dich zu mir gezogen aus lauter Güte.»
Er hat uns geliebt von der Erde Urbeginn an. Wir müssen Seine Liebe in uns zum Wesen werden lassen. Nur das bedeutet wirkliches Leben; nur da ist wahrer Geist, wahre Seligkeit möglich, wo uns dies Leben ein wesentliches Leben wird, das Christus-Leben in uns.
Nicht von uns aus können wir selbst rein und heilig werden, sondern nur von diesem Christus-Leben aus. All unser Streben und Ringen ist vergebens, solange uns nicht dies höhere Leben erfüllt. Das allein kann wie ein lauterer, reiner Strom alles hinwegspülen aus unserem Wesen, was noch ungeläutert ist.

Es ist der Seelengrund, aus dem dies reinigende Lichtleben aufsteigen kann. Dort müssen wir unsere Wohnung suchen, zu Seinen Füßen und der Hingabe an Ihn. Dann wird Er uns selbst umwandeln und uns selbst mit Seinem göttlichen Liebesleben durchströmen, bis wir licht und rein werden wie Er; Ihm ähnlich. Bis Er sein göttliches Bewußtsein mit uns teilen kann.
Durch Sein Licht muss die Seele rein, d. h. weise werden; so kann sie mit Seinem Leben sich vereinigen. Dann ist das die Vereinigung von Christus und Sophia, die Vereinigung des Christus-Lebens mit der durch Sein Licht geläuterten Menschenseele.

Rudolf Steiner, Hannover, 24. September l907

vita

...zur Natur betend – zu einem krummen alten Baumstumpf, zu einer Weide oder jahrhundertealten Eiche, zum Waldstrom, zum See ... oder zum Hahnenschrei, der die Hexerei der Nacht verscheucht ... Es schien mir manchmal, dass Tiere, Vögel, ja sogar Bäume und Blumen mehr über die Magie und Phantasie als Menschen wissen ... Ich glaubte mit Wärme an all das wie ein Kind ..., und in diesen Minuten schien mir die Welt näher, verständlicher, und ich war irgendwie mit ihr verschmolzen!

monoreli

Freud resümiert seine Ausführungen mit einer grundsätzlichen Kritik an den Gottesglauben:
Wie beneidenswert erscheinen uns – den Armen im Glauben – jene Forscher, die von der Existenz eines höheren Wesens überzeugt sind! Für diesen großen Geist hat die Welt kein Problem, weil er selbst alle ihre Einrichtungen geschaffen hat. Wir verstehen, dass der Primitive einen Gott braucht als Weltschöpfer, Stammesoberhaupt, persönlichen Fürsorger. Dieser Gott hat seine Stelle hinter den verstorbenen Vätern, von denen die Tradition noch etwas zu sagen weiß. Der Mensch späterer Zeiten, unserer Zeit, benimmt sich in der gleichen Weise. Auch er bleibt infantil und schutzbedürftig – selbst als Erwachsener.
Freud sieht im jüdischen Monotheismus gegenüber den Bildreligionen einen „Fortschritt in der Geistigkeit“. Im Bilderverbot (in den Zehn Geboten) stecke der entscheidende rationalistische Impuls. Der Monotheismus fundiere mit seinem Bilderverbot, der Verwerfung des magisch wirkenden Zeremoniells und der Betonung der ethischen Forderung des Gesetzes eine „existentielle Weltfremdheit“ und damit „allmähliche Entstrickung des Menschen aus den Zwängen der Idolatrie (der Anbetung von Götzenbildern), die seinen Geist gefangen halten. Im Antisemitismus kann Freud dann eine Reaktionsbildung gegen den Geist sehen, einen Antiintellektualismus. „Antisemitismus ist Antimonotheisums und damit Antiintellektualismus.“ Er sieht den Antisemitismus als Aufbegehren gegen die Triebverzicht verlangende monotheistische Religion:
Unter einer dünnen Tünche von Christentum sind sie geblieben, was ihre Ahnen waren, die einem barbarischen Polytheismus huldigten. Sie haben ihren Groll gegen die neue, ihnen aufgedrängte Religion nicht überwunden, aber sie haben ihn auf die Quelle verschoben, von der das Christentum zu ihnen kam. (…) Ihr Judenhass ist im Grunde Christenhass.

freude

S. Freud, der einer jüdischen Familie entstammte, stand als Atheist und Religionskritiker in einem zwiespältigen Verhältnis zu seiner angestammten Religion. Erst durch den Ende des 19. Jahrhunderts verstärkt auflodernden Antisemitismus fand eine Rückbesinnung auf seine jüdischen Wurzeln statt, die auch in der Mitgliedschaft in einer B’nai_B’rith-Loge ihren Ausdruck fand. Auch stand er später den zionistischen Aktivitäten in Palästina wohlwollend gegenüber, ohne sich selbst als Zionist zu verstehen. Eine Relevanz seiner Religionsherkunft für seine Wissenschaft verneinte er hingegen, ohne die Gefahr zu verkennen, dass eine solche von seinen Gegnern postuliert werde könne, was später auch geschah. Freud bezeichnet sich selbst als einen Feind der Religion „in jeder Form und Verdünnung“ und steht somit in der Tradition Ludwig Feuerbachs (dessen Thesen er als seine philosophische Grundlage ansieht) und Friedrich Nietzsches (dem er zugesteht, etliche Einsichten der Psychoanalyse intuitiv vorweggenommen zu haben). Auch Arthur Schopenhauers Schriften hatten großen Einfluss auf den jungen Freud.
Freud bekräftigt die Religionskritik der Philosophen durch Einsichten, die er als naturwissenschaftlich geprägter Mediziner bei der Entwicklung der klinischen Psychoanalyse gewonnen hat. Dabei drängte sich ihm die Auffassung auf, dass die Religion einer Kindheitsneurose vergleichbar sei.
Hierbei argumentiert er anthropologisch, ontogenetisch und phylogenetisch:
Das anthropologische Argument definiert die Religion als infantiles (= kindliches) Abwehrverhalten gegen die menschliche Unterlegenheit: Der Mensch habe die Naturkräfte personalisiert und zu schützenden Mächten erhoben. Somit helfen sie ihm in seiner Hilflosigkeit. Das zugrundeliegende Verhaltensmuster knüpfe an die frühkindliche Erfahrung der schützenden Eltern, besonders die des Vaters, an. Auf die frühkindlichen Erfahrungen geht auch Freuds ontogenetischer Ansatz ein: Das ambivalente Verhältnis des Kindes gegenüber dem Vater setzt sich im Glauben des Erwachsenen fort. Er erkennt, dass er auch als solcher sich nicht völlig gegen fremde Übermächte wehren kann, weswegen er seinen Schutz im Gottesglauben sucht. Die Götter fürchtet er, trotzdem überträgt er ihnen seinen Schutz.
Das Motiv der Vatersehnsucht setzt sich bei der stammesgeschichtlichen (phylogenetischen) Erklärung fort. Freud setzt bei der Urhorde nach Charles Darwin an, deren Stammesvater als absoluter Despot von den Söhnen sowohl verehrt als auch gehasst wurde, insbesondere aufgrund seines Anspruches, alle Frauen der Horde zu besitzen. Aus Eifersucht hätten sie ihr Oberhaupt gemeinsam umgebracht (Ödipuskomplex). Eine Nachfolge sei aufgrund der gegenseitigen Blockade ihres Feindes und gleichzeitigen Ideals nicht möglich gewesen. Als Gemeinschaft sollen sie sich auf eine Satzung verständigt haben, die ähnliche Taten ausschließen sollte und den Besitz der Frauen ausgeschlossen habe, sodass lediglich Frauen fremder Stämme und Sippen geheiratet wurden (Exogamie). Anschließende Mahlzeiten sollen an den vorangegangenen Mord erinnern. Das Schuldbewusstsein der gesamten Menschheit („Erbsünde“) sei somit der Anfang sozialer Organisation, Religion, sittlicher Beschränkung und damit der Kultur überhaupt.
Freud setzte sich bis zu seinem Lebensende mit dem Thema Religion auseinander. Sein letztes Werk (1939), wenige Tage vor seinem Tod veröffentlicht, war eine Studie über den Religionsgründer Moses: Der Mann Moses und die monotheistische Religion.

oel

Die Erinnerung an den Bund
Zu Beginn berichtet der Violinspieler H.H. von seinen Jugendtagen. Damals habe er dem „Bund vom Hohen Stuhl“ angehört, mit dem er sich auf seine Reise begeben habe, „wie sie seit den Tagen Hüons und des Rasenden Roland von Menschen nicht mehr gewagt worden war“. Es sei damals, kurz nach dem Weltkriege, eine außerordentliche Bereitschaft für das Überwirkliche gegeben gewesen, das Land sei "voll von Heilanden, Propheten und Jüngerschaften" gewesen, es seien "Grenzen durchbrochen und Vorstöße in das Reich einer kommenden Psychokratie" getan worden. Zu diesen Vorstößen in ein "Reich der Seele" gehörten die Wanderzüge des Bundes.
Während der Bund als ganzer nach sehr hohen, der Zone der Geheimnisse zugehörigen Zielen gestrebt habe, hätten die Teilnehmer auch ihre eigenen, privaten Beweggründe gehabt, diese Beweggründe waren eine der Anforderungen zur Aufnahme in den Bund. Während manche etwa auf der Suche nach dem Schatz des „Tao“ oder der Schlange „Kundalini“ gewesen seien, sei es H.H.s eigener Wunsch gewesen, die „Prinzessin Fatme" zu sehen und womöglich ihre Liebe zu gewinnen“. Vom Sprecher des Bundes als „anima pia“ gesegnet, zu Glaubenstreue, Heldenmut und brüderlicher Liebe ermahnt, den Bundesring am Finger, habe man sich auf den Weg gemacht. Freilich sei die Reise keine singuläre Erscheinung gewesen, sondern Teil eines immerwährenden „Zuges der Gläubigen und sich Hingebenden nach dem Osten, der Heimat des Lichts“, nur eine „Welle im ewigen Strom der Seelen“.
Unterwegs feierte man Andachten und Blumenfeste, durchstreifte Schwaben, Italien und den Orient, „nächtigte im zehnten Jahrhundert“ oder „wohnte bei Patriarchen und Feen“. Mitunter trafen die Morgenlandfahrer auch auf Gestalten wie den Riesen Agramant, den Pechschwitzer vom Blautopf, auf Parzival und Sancho Pansa, aber auch auf die Maler Paul Klee und Klingsor. In der Nähe von Urach stießen sie auf die „staufischen Kronenwächter“, die den Bund für ihre Ziele, „namentlich die Eroberung Siziliens“ zu instrumentalisieren versuchten. Auch wurden hin und wieder einzelne Brüder abtrünnig, wandten sich der vermeintlich „realen Welt“ zu und vergaßen die Ziele des Bundes. Eine besondere Rolle im Bund kam dem unscheinbaren Diener Leo zu, der durch seine gefällige, bescheidene Art die Herzen von Menschen und Tieren gewann.
Ein Höhepunkt des Unternehmens war die Bundesfeier von Bremgarten, als in einem „von Papageien und anderen sprechenden Tieren bevölkerten, fliederdurchwogten Park „Othmar“ auf dem Flügel und „Pablo“ auf der Rohrflöte spielte, und sich zahlreiche Künstler, Maler und Dichter nebst ihren Geschöpfen einfanden. Dabei fällt H.H. auf, „dass die erdachten Figuren (…) viel lebendiger, schöner, froher und gewissermaßen richtiger und wirklicher als die Schöpfer selber“ wirken. Leo erklärt dies mit dem „Gesetz vom Dienen“, wonach dienen muss, wer lange leben will.
Eines Tages verschwindet der Diener Leo in der Schlucht von Morbio Inferiore. Der Bund gerät daraufhin in eine schwere Krise, die Reisenden verlieren Glauben und Zuversicht. Besonders vermisst wird auch Leos Rucksack, der nach allgemeiner Meinung eine ganze Menge wichtiger Dinge beherbergt haben muss, wie insbesondere die Bundesurkunde. An diesem Punkt ist der Erzähler H.H. am Ende seines Berichts angelangt. Er räumt ein, dass es ihm schwer falle, die Geschichte des Bundes adäquat zu erzählen. Das „Bündel der tausend verknoteten Fäden“ sei kaum zu entwirren. „Wo ist eine Mitte der Ereignisse, ein Gemeinsames, etwas, worauf sie sich beziehen und was sie zusammenhält?“

Die Suche nach dem Bund
Gleichwohl lässt sich H.H. nicht entmutigen und macht sich daran, wenn schon nicht die Geschichte des Bundes, so doch zumindest die der Morgenlandfahrt zu schreiben. Als erstes sucht er hierzu seinen Jugendfreund, den Zeitungsredakteur Lukas auf. Dieser begegnet ihm indes mit freundlicher Ironie und versucht das Unternehmen als eine exzentrische, mittlerweile längst vergessene Zeitströmung der Nachkriegsjahre abzutun, welche mit dem realen Lebens nicht zu tun habe. Immerhin zeigt er aber Verständnis für H.H.s Schwierigkeiten, sich der Geschehnisse von damals hinreichend zu erinnern. Ihm selbst als Weltkriegsteilnehmer sei es bei der Abfassung seines Kriegstagebuchs ähnlich ergangen. Gleichwohl habe er es geschrieben, weil es für ihn und seine Existenz notwendig gewesen sei. Außerdem hilft Lukas H.H. dabei, einen gewissen „Andreas Leo, Seilergraben 69a“ ausfindig zu machen, der möglicherweise eine Verbindung zu dem Leo aus H.H.s Erinnerungen habe.
Nach einigem Zögern sucht H.H. die genannte Adresse auf, erfährt, dass der dort wohnhafte Andreas Leo als Masseur, Kräuterkundiger und Hundedresseur arbeite. Eine ganze Weile kehrt H.H. immer wieder zur Adresse von Leo zurück, um diesem zu begegnen. Eines Abends hat er Glück und heftet sich an Leos Fersen. Sofort wird klar, dass es sich in der Tat um den Diener Leo handelte, der den Bund seinerzeit in der Schlucht von Morbio Inferiore verlassen hatte. In einem Park verwickelt er ihn in ein Gespräch, das aber enttäuschend verläuft: Leo erkennt seinen einstigen Bundesgenossen nicht wieder, verurteilt ihn obendrein, weil er ohne Geldnöte seine Violine verkauft habe. Selbst der mit Leo so vertraute Wolfshund Necker knurrt tief in der Kehle, sooft sein Blick H.H. trifft. Zuhause schreibt H.H. schließlich konsterniert einen Brief an Leo, „zwanzig Seiten der Klage, der Reue, der flehentlichen Bitte“.

Wiederfinden des Bundes
Kurz darauf erscheint Leo bei H.H. zuhause und erklärt, der Bund, der Hohe Stuhl, erwarte ihn; er sei gesandt, ihn zu holen. Auf verwinkelten, H.H.s freudige Ungeduld auf eine harte Probe stellenden „Umwegen, Einkreisungen und Zickzackgängen“ quer durch die Stadt führt Leo H.H. zu einem stillen Gebäude in einer verschlafenen Vorstadtgasse. Über endlose Korridore, Treppen und Gänge, vorbei an Archiven und Ateliers in den Bundessaal, wo sich die Oberen zum Gericht über den „Selbstankläger H.H.“ versammelt haben.
Verschüchtert gesteht dieser die Vorwürfe, dem Bunde untreu geworden zu sein und obendrein eine Geschichte des Bundes schreiben zu wollen. Daraufhin wird ihm für seine Arbeit das gesamte Bundesarchiv zur Verfügung gestellt. Dort stößt er nicht nur auf sein ihm immer belangloser erscheinendes eigenes Manuskriptfragment, sondern etwa auch auf den lange vermissten Bundesbrief sowie die Katalogeinträge über Leo, über die von ihm so verehrte Prinzessin Fatme, über den Maler Paul Klee. Sehr bald muss H.H. erkennen, dass er „von diesen Millionen Schriften, Büchern, Bildern, Zeichen des Archivs kein Tausendstel zu entziffern oder gar zu begreifen vermochte“.
Beschämt erkennt er seine törichte Anmaßung, die Geschichte des Bundes schreiben zu wollen. Er kehrt zur Versammlung der Oberen zurück und unterwirft sich bedingungslos deren Urteil. Dieses wird vom „Obersten der Oberen“ persönlich verkündet – dem „Diener“ Leo. Schonungslos enthüllt er H.H. seine vielfältigen Verfehlungen, räumt aber ein, dass H.H.s Abfall und Verirrung eine Prüfung gewesen seien. Eine Prüfung, die ihn in jene Verzweifelung getrieben habe, die Bestandteil jeglichen menschlichen Reifeprozesses sei. H.H. erhält seinen verlorenen Bundesring zurück und wird sich „tausend unbegreiflicher Versäumnisse“ bewusst.
Letzten Endes wird er freigesprochen und unter der Bedingung in den Kreis der Oberen aufgenommen, dass er es wagt, das Archiv über seine eigene Person zu befragen. H.H. nimmt dies auf sich und erfährt nicht nur, dass er selbst es war, der in Morbio Inferiore „Fahnenflucht“ begangen hatte, sondern findet auch eine merkwürdige Doppelskulptur. Sie stellt Leo und ihn selbst dar, wobei Leo auf Kosten seines Dichters ständig wächst und zunimmt.

Dienstag, September 7

Mariä Geburt fliegen die Schwalben furt, Marie Geburt sin de Nüete guet

Voll Freude feiern wir das Geburtsfest der Jungfrau Maria, aus ihr ist hervorgegangen die Sonne der Gerechtigkeit, Christus, unser Gott (Eröffnungsvers)
Seit dem 5. Jahrhundert feiert die Kirche am 8. September die Geburt der Jungfrau Maria. Mit der Geburt des heiligen Johannes, der als Wegbereiter und Vorläufer Christi bezeichnet wird, gehört dieses Fest zu den beiden Tagen, an denen die Kirche auch der Geburt eines Heiligen gedenkt. Vom Datum des Festes der Geburt Mariens leitet sich schon im vierten Jahrhundert bezeugte Fest der wunderbaren Empfängnis Mariens am 8. Dezember ab.
Das apokryphe Protoevangelium des Jakobus, das etwa 150 nach Christus entstanden ist, beschreibt die Umstände der Geburt der Jungfrau Maria. Ihre Eltern Joachim und Anna, die schon älter waren, erbaten durch Gebet und Fasten vom Herrn ein Kind, denn sie litten beide schwer unter ihrer Kinderlosigkeit. Joachim erinnerte sich an Abraham und Sarah, denen Gott im hohen Alter noch den Isaak schenkte. Daraufhin erschien ein Engel und verkündete Anna: Erhört hat Gott der Herr deine Bitte. Du wirst empfangen und gebären, und man wird von deiner Nachkommenschaft reden auf dem ganzen Erdkreis.. Anna weihte daraufhin das ungeborene Kind dem Dienst des Herrn. So wurde Maria, sobald sie drei Jahre alt war als dem Herrn geweihte Jungfrau im Tempel erzogen.
Über die Ankunft der kleinen Maria im Tempel heißt es:
Der Priester des Herrn nahm Maria in Empfang, küßte sie, gab den Segen und sprach: "Gott der Herr hat deinen Namen groß gemacht unter allen Geschlechtern. An dir wird der Herr am Ende der Tage offenbar machen die Erlösung für die Söhne Israels." Und Gott der Herr legte Anmut auf sie, und sie tanzte mit ihren kleinen Füßen. Das ganze Haus Israel gewann sie lieb.
Das Fest der Geburt Mariens ist untrennbar mit der Menschwerdung Christi verbunden, denn die Geburt Mariens bereitet dieser den Weg. Denn das ist der Höhepunkt der Wohltaten, die uns Christus erwiesen hat: Das ist die Offenbarung des verborgenen Geheimnisses. Das ist die Natur, die sich entäußert hat: der Gott und Mensch und Vergöttlichung der von Gott angenommenen Menschheit. Dieses so strahlend aufscheinende Wohnen Gottes bei den Menschen mußte der Freude Eingang verschaffen, weil uns hier das große Geschenk des Heiles zuteil wird. Das meint das heutige Fest, dessen Anlaß die Geburt der Gottesmutter ist, dessen Ziel und Ende jedoch die Vereinigung des Wortes mit dem Fleisch ist. Denn eine Jungfrau wird geboren, gepflegt und herangezogen und zur Mutter geformt für Gott, den König der Ewigkeiten.
So singe und tanze also die ganze Schöpfung trage etwas bei, was des Tages würdig ist. Der heutige Tag werde ein gemeinsames Fest für Himmel und Erde. Alles, was auf Erden ist und über der Erde, soll zusammen feiern. Heute werde das Heiligtum für den Schöpfer des Alls errichtet. Die Schöpfung bereite dem Schöpfer ein neues und würdiges Haus.

Das Fest Mariä Geburt wird alljährlich am 8. September gefeiert. Es entwickelte sich Ende des 5. Jahrhunderts aus dem Weihefest der Kirche der Gottesmutter. Im 7. Jahrhundert wurde dieses Fest, der so genannte „Kleine Frauentag“, in der Ost- und Westkirche gefeiert. Dieses Fest bestimmte später den Termin des Festes Mariä Empfängnis neun Monate zuvor, am 8. Dezember. Die Vorgeschichte beginnt demnach mit dem Elternpaar Joachim und Anna, die kinderlos blieben. Joachims Altaropfer wies der Hohepriester zurück. Joachim verbarg sich bei seinen Herden, ein Engel verkündete ihm, dass er zu seiner Frau zurückkehren und ihr an der Goldenen Pforte begegnen solle. Auch Anna, die trauernd ein Vogelnest mit den die Jungen fütternden Alten betrachtete, erschien der ihr trotz ihres Alters Nachkommen verheißende Engel. Das Kind Maria wurde geboren. Von Anna sorgfältig unterwiesen und dem Tempeldienst gewidmet, schritt die Dreijährige selbständig die Treppen empor, wo der Hohepriester sie mit den Tempelfrauen empfing - als Mariä Mariä Tempelgang ist diese Szene bekannt.

Montag, September 6

Die Augen stehen dem Durchblick oft im Weg

Die Psychotherapeutin A. Miller über die Gefährlichkeit des Verliebens und den Zusammenhang von Gesundheit und Familie
°
Nützlicher Idiot erwählt Prinzessin

P.H.: Frau Miller, warum ist Verlieben gefährlich?
A. Miller: Weil ich sehen gelernt habe, daß wenn bei jemand der Mechanismus des Verliebens anspringt, das ein Mensch ist, dem in der Kindheit viele Wünsche nicht in Erfüllung gegangen sind. Nun trifft der auf jemanden, der das, was ihm verboten war, kann und darf. Das ist die Attraktion des Verliebens. Es geschieht ja immer plötzlich. Ich bringe gerne das Beispiel: Rote Ampel, er im offenen Cabrio, daneben sie im offenen Cabrio: Wow, die isses! Man kennt den Menschen gar nicht, aber schon klappern die Knie und krabbeln die Schmetterlinge im Bauch. Aus der Psychologie wissen wir, daß trotzdem wir den anderen nicht kennen, jede Menge Signale hin und her wechseln. Tja, und da ist nun mal der- oder diejenige attraktiv, die Dinge kann oder darf, die mir verboten waren. Das Dumme ist nur: die gibt das nicht her!
P.H.: Sie meinen also, es verstärken sich die Schwächen gegenseitig.
Miller: Genau. Nehmen wir einmal an, er war in seiner Kindheit nicht sehr angenommen, er war lästig, die Eltern mußten seinetwegen heiraten, er erfuhr also hauptsächlich Ablehnung. So ein Mann tendiert dazu, sich in eine Prinzessin zu verlieben • also in eine, die stets im Mittelpunkt stand. Da möchte er nun auch hin • bloß: die Prinzessin kennt nur den Mittelpunkt, also kann sie ihn dort gar nicht hinlassen. Er ist ein gelernter „nützlicher Idiot", denn nur übers Nützlichmachen hat er je Zuneigung erfahren, also wird er sich wiederum nützlich machen • und das ist ganz im Sinne der Prinzessin. So verstärken sie ihr angelerntes Verhalten • und driften immer weiter auseinander.
P.H.: Von den beiden Volksweisheiten • „Gegensätze ziehen sich an" und „Gleich und gleich gesellt sich gern" • wäre also letztere das probate Mittel für eine gesunde Beziehung?
Miller: Das hat die Psychologie längst empirisch bestätigt: Wenn Ehepartner eher ähnlich sind, haben sie in ihrer Beziehung bessere Überlebenschancen als gegensätzliche. Das macht auch Sinn. Vom chilenischen Hirnforscher H. Maturana habe ich die Definition: Lieben ist gleich koordinieren. Ich übersetzte das mit: Lieben ist gleich wertschätzendes, wohlwollendes Verhandelnkönnen. Wenn zwei sich ähnlich sind, können die viel leichter miteinander verhandeln als gegensätzliche Partner.
P.H.: Nun widerspricht diese eher nüchterne Defintion von Liebe dem romantischen Bild, das wir tagtäglich aus den Massenmedien erhalten. Kaum ein Song oder Film, in dem nicht das Verliebtheitsmodell angepriesen wird.
Miller: Bloß sieht man da ja nie das Ende, sondern immer nur den Anfang. „Pretty Woman" halte ich etwa für einen der dümmsten Filme. Das ist die Propagierung einer extrem schrägen Ebene. Wenn aber einer • ob sie oder er • dem anderen überlegen ist, beginnt derjenige neidisch und eifersüchtig zu werden, zu kämpfen, zu beißen • und schon gibts Krach. Dieses Helfersyndrom • sie meint, aus dem mache ich noch etwas • gelingt nie. Es sollten beide in etwa gleich stark sein, gleiche Ressourcen haben, sei es wirtschaftlich, sei es intellektuell. Der Unterschied zwischen Mann und Frau ist so riesig, daß auch dann noch genug Stoff zum Verhandeln übrigbleibt.
P.H.: Sie plädieren also für ein Umlernen, härter formuliert: ein Umtrainieren. Vom Modell der Massenmedien zum vernünftigen Gleichheitsgrundsatz. Aber spielt da die Körperchemie mit? Das vorher angeführte „Wow!" ist ja ein biochemischer Prozeß, eine Art Droge.
Miller: Genau. Es ist also eine Art Entzugsprogramm notwendig. Ich kenne das von mir: Ich bin immer auf den selben Typ Frau abgefahren. Bis ich mir des dahinterliegenden Musters bewußt geworden bin. Wenn mich in der Folge wieder eine Frau elektrisierte, habe ich mich selbst beobachtet: ach ja, schon wieder der gleiche Typ • vergiß es! Wir sind geprägt • so wie die Graugänse des K. Lorenz, die einen Stiefel für ihren Vater hielten, weil sie darauf geprägt worden sind. Wir funktionieren ähnlich.
P.H.: Man hat auch erforscht, daß wir über sogenannte Pheromone den Immunstatus des anderen erschnüffeln können, was bei der Partnerwahl ein entscheidendes, biologisch gelenktes Kriterium ist.
Miller: Das kommt hinzu. Ich sage bei meinen Beratungen immer: Achtet darauf, ob ihr den anderen riechen könnt. Auch Küssen ist wichtig: es wirkt wie eine Impfung. Es sollte nachgerade verschrieben werden.
P.H.: Das heißt aber schon, daß so etwas wie körperliche Anziehung bestehen muß. Die reine Vernunftheirat bringt es nicht.
Miller: Nein, ich sage immer: die Mischung muß stimmen. Ein bißchen verlieben, so ein Mini-Thrill • und dann aufpassen, ob es auch paßt.
P.H.: Zu Ihnen als Familientherapeuten kommen wohl in der Regel Paare, bei denen es nicht paßt, die schon tief in der negativen Dynamik stecken. Wie bringen Sie die wieder heraus?
Miller: Ich analysiere mit ihnen, welche Ängste sie in der Kindheit gespeichert haben. Die sind ihnen meist gar nicht bewußt. Diese Ängste muß man lernen, „niederzutrainieren". Dann brauche ich nicht mehr den anderen übers Verlieben dazu, denn nun kann ich es ja selbst. Solcherart kommen Paare auf eine andere Bewußtseinsebene, auf der sie dann in Ruhe beurteilen können: Passen wir nun zusammen • oder passen wir nun erst recht nicht zusammen, um in Frieden auseinanderzugehen? Sie können dann sagen: Du bist ein toller Typ, entsprichst aber nicht so ganz meinem Anforderungsprofil.
P.H.: „Niedertrainieren" klingt hart mechanistisch. Humanistischen Psychologen stiegen wohl die Grausbirnen auf.
Miller: Ach ja, ich kann nur aus eigener Erfahrung sagen: Es macht auch Spaß, die zwei oder drei anerzogenen Ängste nicht mehr zum Zuge kommen zu lassen. Ich durfte in meiner Kindheit nie faul sein • wehe, wenn mich Mutti dabei erwischte. Heute erlaube ich es mir: nichts da, Füße auf den Tisch. Auch vor der Ehefrau • und nicht gleich so tun, als gäbe es noch was zu erledigen. Das war sukzessives Training.
P.H.: Wie sieht die Bilanz nach den Beratungen aus?
Miller: In der Familientherapie hat man weltweit in etwa die gleichen Ergebnisse: Ein gutes Drittel der Klienten braucht nur sehr kurz, ein weiteres Drittel etwas länger, so rund zwölf bis vierzehn Doppelstunden, und bei knapp einem Drittel geht überhaupt nichts. Wenns „geht", ist es für uns gleichgültig, ob die nun zusammenbleiben oder nicht, Hauptsache: sie können frei entscheiden.
P.H.: Trennung ist aber nicht unbedingt der Regelfall, wie es ein negatives Vorurteil bei solchen Therapien gerne behauptet?
Miller: Nein, keineswegs. Es ist immer alles offen. Das kann ich als Berater weder vorher wissen noch nachher entscheiden: das ist Sache der Leute. Aber warum soll man einen Fehler, den man begangen hat, nicht auch korrigieren dürfen. Überall sonst darf man lernen und auch Fehler machen, warum also bei der wichtigsten Lebensentscheidung • neben der Berufswahl • nicht auch?! Ich zitiere da gerne die Soziologin Beck-Gernsheim, die meinte, früher konnte man leicht sagen: „. . .bis daß der Tod euch scheidet", weil man in der Regel nicht sehr alt wurde. Heute sieht das anders aus. Daher wird es im nächsten Jahrtausend wahrscheinlich ganz normal sein, daß einem zwei, drei Lebenspartner im Laufe der achtzig, neunzig Jahre begleiten werden.
P.H.: Vorausgesetzt, man bleibt gesund. Wie stellt man das am besten an?
Miller: Wie sich gezeigt hat, kommen die größten medizinischen Erfolge aus dem Bereich der Prävention. Wenn es also vor hundert Jahren darum ging, die körperliche Hygiene einzuführen, wäre es jetzt höchst an der Zeit, mit der psychischen Hygiene zu beginnen, sprich: mit einer sauberen Kommunikation.
P.H.: Nach dem Motto: Nicht der Patient ist krank, sondern die Beziehung, in der er lebt.
Miller: Genau. In Patientenfamilien werden meiner Erfahrung nach viel zu viele Feindseligkeiten ausgetauscht, wobei den Leuten gar kein Vorwurf zu machen ist, weil es ihnen nicht einmal bewußt ist. So wie den Menschen vor hundert Jahren nicht bewußt war, daß wenn man mit schmutzigen Händen in eine Wunde greift, die in der Folge zu eitern beginnt. Daher würde ich mir wünschen, daß Kommunizieren alsbald ein Schulstoff ist. Man muß systematisch lernen, miteinander zu reden.
P.H.: Dysfunktionale Kommunikation trägt also entscheidend zu Krankheiten bei?
Miller: Und wie! Eine 45jährige Frau mit Asthma erzählte mir ihre Leidensgeschichte, als mittendrin ihr Mann so eine wegwerfende Handbewegung machte, so im Sinn: was die Alte da schon wieder labert! Zack, hatte die sofort ihren Asthmaanfall. Das war den beiden gar nicht bewußt. Da war es also offensichtlich. Aber viele kennen ja auch den Fall, daß Frauen, wenn die Männer wegsterben, plötzlich aufblühen wie die Pfingstrosen. Da ist der Zusammenhang ebenfalls offenkundig.
P.H.: Gibt es Ihrer Erfahrung nach eine Häufung bestimmter, sogenannter systemischer Erkrankungen? Oder verteilt sich das auf alle pathogenen Erscheinungsformen?
Miller: Da gibt es eine Wandlung. In meiner Studienzeit, in den späten achtziger Jahren, ging man von sieben psychosomatischen Haupterkrankungen wie etwa Magengeschwüren oder Asthma aus. Mittlerweile ist man draufgekommen, daß die Psychologie bei nahezu allen Erkrankungen eine Rolle spielt. Mein Hobbygebiet ist die Neurodermitis • und da mußte ich fast zu meiner Überraschung feststellen, daß da eine besonders hohe psychologische Komponente mitspielt. Wenn Eltern ihren Umgang mit dem Neurodermitiker-Kind ändern, verschwindet die Erkrankung oft in einem halben Jahr zur Gänze, obwohl massive Erbfaktoren beteiligt sind. Ich habe das auch wissenschaftlich untersuchen lassen. Mehrere Diplomarbeiten sind mittlerweile darüber geschrieben worden.
P.H.: Finden Sie in sogenannten Neurodermitiker-Familien immer wieder ähnliche Dynamiken?
Miller: Es ist immer dasselbe Bild. Die Eltern geben schon in der ersten Beratungsstunde, wenn ich sie nach Konsequenzen und Einigkeit im Erziehungsstil frage, bereitwillig zu: „Haben wir nicht". Nun geht es ja nicht um Verurteilung, daher mache ich den Eltern Mut, einmal konsequent und einig zu sein • und siehe da, meist verschwindet die Neurodermitis. Auch bei Säuglingen. Ich habe einer Mutter geraten, sicherer zu werden, nicht dauernd Angst vor eigenen Fehlern zu haben, fixe Regeln einzuführen • und nach einem Jahr war die Neurodermitis bei dem Kleinen weg. Wir haben das auch auf Video dokumentiert. Sicherheit, Geborgenheit, Ruhe • dann verschwindet der Juckreiz.
P.H.: Ihr persönlicher Weg führte Sie vom Arzt und Mediziner zum analytischen Einzeltherapeuten und schließlich zum systemischen Familientherapeuten. Was hat sich dadurch für Sie verändert?
Miller: Vom defizitorientierten Denken der Schulmedizin • „Der Magen von Zimmer zehn" • und der Psychoanalyse, wo das noch ärger ist • man ist neurotisch, analfixiert, Penisneid, alles nur negativ, negativ, negativ • gelangte ich in der Familientherapie zum ressourcenorientierten Denken. Wenn einem etwas fehlt, gibt es verschüttete Quellen, die das ausgleichen können. Danach suchen wir. Außerdem darf bei uns auch herzhaft gelacht werden. Das klingt so banal, aber lachen Sie einmal bei einem Psychotherapeuten-Kongreß!
P.H.: Sie sind ein Vertreter der sogenannten „Heidelberger Schule" der Familientherapie, die H. Stierlin begründet hat. Wie könnte man diese Richtung in Kürze charakterisieren?
Miller: Da möchte ich auf das berühmte Büchlein von H. Stierlin hinweisen, „Das Tun des einen ist das Tun des anderen", Suhrkamp 1987. Wir sind alle netzwerkartig miteinander verbunden: Wenn einer eine Bewegung macht, hat das für alle um ihn herum Konsequenzen. Wenn die nicht mitmachen, bricht die gesamte Kommunikation zusammen. Es ist mehr das weibliche integrative Denken, nicht so sehr das zielorientierte männliche, das einen schnell erkennen läßt, was in Familien nicht so gut läuft.
P.H.: Sie versammeln also wenn möglich die ganze Familie in der Therapie. Bevorzugen Sie die jetzige Familie oder die Herkunftsfamilie?
Miller: Je nachdem. Manchmal stelle ich auch nach Hellinger auf, um in die Herkunft zu gelangen • oder zeichne Genogramme. Denn wenn einer mit den Eltern verkracht ist, strahlt das auf alles Spätere aus, so ein Ärger pflanzt sich über Generationen fort. Da schließe ich mich Hellinger an: Eltern sind in jedem Fall zu ehren.
P.H.: Machen Sie auch Einzeltherapie, wenn Partner oder sonstige Familienmitglieder nicht mitkommen wollen?
Miller: Ich mache auch Einzeltherapie. Wenn eine Frau alleine kommt und sagt, daß ihr Mann nicht mitwill, lasse ich sie gleich unterschreiben, daß ich für eine mögliche Scheidung nicht geradestehe. Denn wenn sich Frauen ändern und die Männer nicht, bricht das meist auseinander. Das Risiko muß man eingehen. Häufig kommen die Männer ja dann doch noch. Ich nehme jede Sitzung auf Band auf und gebe es den Klientinnen mit nach Hause • das lockt viele Widerspenstige an.
P.H.: Wie lange dauert durchschnittlich die Therapie?
Miller: 10 bis 14 Doppelstunden über rund eineinhalb Jahre. Wir treffen uns alle vier bis fünf Wochen. Das wichtigste ist das Trainieren und Einüben neuer Verhaltensweisen. Daher machen kürzere Termine wenig Sinn, denn so schnell kann man nicht umtrainieren.
P.H.: Werden die Ziele der Therapie im vorhinein festgelegt?
Miller: Ja. Alle bekommen vorweg einen Brief mit drei Fragen, die sie für sich beantworten müssen: Was erhoffen Sie von der Therapie? Wie erklären Sie sich die Problematik? Was muß der
Therapeut tun, damit Sie nie mehr hingehen? Da habe ich gleich die Empfindlichkeiten auf dem Tisch. Jeder bringt den Zettel mit • und da kann man dann im Verlauf der Therapie immer wieder mal draufschauen.
P.H.: Der Name B. Hellingers ist bereits gefallen. Man kommt heutzutage bei einem Gespräch über Familientherapie nicht darum herum, ihn zu nennen, derart erfolgreich und massenwirksam ist seine Aufstellungsarbeit in den letzten Jahren. Was unterscheidet Ihren Ansatz von seinem?
Miller: Ich schließe mich meinen Heidelberger Kollegen an, die meinen, daß Herr Hellinger im strengen Sinn kein Systemiker ist. Mich fasziniert aber seine Aufstellungsarbeit • und auch sein religiöser Ansatz •, das nutze ich auch für mich. Womit ich nicht so ganz einverstanden bin, sind seine großen Aufläufe mit vier- oder fünfhundert Leuten, aber das muß er entscheiden.
P.H.: Wie erklären Sie sich diesen großen Zulauf?
Miller: Ich weiß es nicht. Lassen wir es einfach offen.

Sich verlieben
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Aufruhr der Hormone
Kribbeln, Schmetterlinge oder Flugzeuge im Bauch?
Was in Ihnen vorgeht, wenn Sie sich verlieben.
Physiologisch sind es vor allem die Neurotransmitter Dopamin, Serotonin und Endorphin, die uns das Glücksgefühl des Verliebens vermitteln. Diese drei Hormone sind körpereigene Stoffe und auch bekannt als "Glückshormone". Sie führen dazu, dass der Körper auf Hochtouren läuft.
Die angenehmste Diät der Welt
Man hat plötzlich das Gefühl, weniger Schlaf zu benötigen - und auch der Appetit reduziert sich durch den Ausnahmezustand des Körpers. Neben der unglaublichen Energie, die man spürt, ist Verliebtsein also auch noch die angenehmste Diät der Welt.
Diese Veränderungen im Körper zaubern aber nicht nur ein Lächeln aufs Gesicht, sondern haben auch einen funktionalen Hintergrund. "Sie motivieren Menschen dazu, sich als Paar zu binden und aufeinander einzugehen und legen damit die Basis für eine funktionierende Beziehung. Außerdem befähigen uns diese Emotionen dazu, auch einmal über die Fehler des anderen hinwegzusehen", erklärt der Sozialpsychologie-Professor Dr. M. Hassebrauck von der Universität Wuppertal.
Man muss bereit sein, sich zu verlieben
Liebe macht also doch in gewisser Weise blind. Wichtigster Ausgangspunkt für das schönste aller Gefühle ist laut Hassebrauck die persönliche Situation, in der sich ein Mensch gerade befindet: Wenn man nicht bereit sei, sich zu verlieben, werde es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht passieren.
Daher ist "spontanes" Verlieben, also Liebe auf den ersten Blick, auch eher selten. In den überwiegenden Fällen kennt man die Person bereits seit einiger Zeit, verliebt sich aber erst dann, wenn die Gesamtsituation auch passt. Hierbei handelt es sich um die kognitive Komponente des Verliebens.
Auf der gleichen Wellenlänge
"Außerdem ist eine gemeinsame Grundeinstellung entscheidend. Neben dem Aussehen zählt also vor allem die sprichwörtlich gemeinsame Wellenlänge. Und die erkennt man nun mal nicht innerhalb weniger Sekunden", erklärt der Sozialpsychologe.
Mit der Bereitschaft und dem Wunsch sich zu verlieben, steht den Frühlingsgefühlen mit Kribbeln, Schmetterlingen und Flugzeugen im Bauch nichts mehr im Weg.

Donnerstag, September 2

fein-stoff

Die feinstoffliche Physiologie
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Der Mensch ist mit seinem Ego ständig in mehr oder weniger intensiver Weise am kämpfen und mit anderen Mitmenschen durch diesen Kampf auch karmisch verbunden. Die erste Abbildung zeigt zwei typische Menschen, die ihr Leben damit verbringen, sich so miteinander auseinander zu setzen, wie es auf diesem Planeten meist üblich ist - nach dem Motto "wie du mir - so ich dir". Zwar gibt es - angedeutet durch die dünneren Verbindungen in anderer Richtung - auch Streitereien und Karma mit anderen Personen, aber es gibt auch meist ein dominierendes Karma zu einem gegebenen Zeitpunkt. Sozusagen einen oder mehrere "Lieblingsfeinde" mit denen man überwiegend im Konflikt steht.
Wenn keiner der betroffenen weiser wird, können solche Situationen Tausende und mehr Jahre über viele Inkarnationen hinweg andauern. Dabei ist die Lösung ganz einfach. Gleich und gleich gesellt sich gern, sagt der Volksmund.
Gleiches zieht sich auf Grund des Magnetismus der verschiedenen Neigungen und Veranlagungen an. Also ist das äussere mit dem ich streite an erster Stelle ein von GOTT gesandter "Spiegel", der mir meine eigenen Schwächen und Eigenschaften aktiv widerspiegelt. Wenn wir also anfangen nur und ausschliesslich an uns selbst zu arbeiten, statt uns an andere zu wenden mit unseren Aggressionen, dann lösen sich auch alle Konflikte im Äusseren schnell in Liebe auf. Im folgenden wird dies genauer erläutert.

Die X - förmigen dunklen Strukturen in der Aura der beiden obigen Menschen stehen stellvertretend für die Dinge des Lebens, die man dem anderen "vorwirft" oder "nachträgt", sowie für allerlei Ängste und sonstiger spiritueller Blockaden. Es ist all dieses vorgeworfene und nachgetragene, das immer wieder zu neuen Konflikten führt, bzw. alte Konflikte zum auffrischen oder eskalieren bringt. Sind diese Energiestrukturen erst einmal in Liebe aufgelöst, herrscht Frieden und Harmonie zwischen den Betroffenen.
Fangen wir jetzt an diese nach aussen gerichtete Aggressionen immer mehr zu kontrollieren, indem wir beginnen uns zu zügeln. Unsere Aufmerksamkeit immer mehr auf das schöne und liebenswerte im Leben zu richten. Wir erinnern uns: Das worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, steht in einer energetischen Verbindung mit uns und erfüllt uns nach und nach. Wenn wir also unsere Aufmerksamkeit vom Objekt der Disharmonie zurückziehen und auf etwas liebevolles richten, so erfüllt mehr und mehr Liebevolles unser Bewusstsein. Der Magnetismus der unsere Aufmerksamkeit in die Richtung eines vermeintlichen Streitobjektes ziehen will, wird zunehmend schwächer.
Dies ist ein kontinuierlicher Prozess der in der unten stehenden Grafik dargestellt ist. In den Stufen 1. bis 3. wird die Ablenkung nach aussen bewusst kontrolliert und stetig abgeschwächt. Wenn wir zur Ruhe gekommen sind, dann sind wir so frei, uns dem letzten und wichtigsten Teil - unten als 4. Stufe dargestellt - zu widmen. Dem Auflösen dessen, was wir anderen nachtragen und vorwerfen.

Bevor der 4. Entwicklungsschritt oben beginnt, sollten wir uns ganz sachlich und logisch die spirituellen Gesetze verinnerlichen. Solange WIR streiten, wird auch immer jemand da sein der MIT UNS streitet. Es braucht jedoch für JEDEN Streit immer mindestens 2 Parteien aus wenigstens je 1 Person - mit Ausnahme der Konflikte mit der eigenen Person, aber dies ist ein besonderes Thema, das zu einem späteren Zeitpunkt abgehandelt wird. Wenn eine der beiden streitenden Parteien aufhört, kann die andere nie streiten, oder sie sucht sich einen neuen "Partner", um das Spiel fortzusetzen. Letzteres jedoch ist dann die Lektion der noch verbleibenden Seelen.
Wollen wir aber ewig nur streiten, in Gedanken, in unserer Phantasie oder in Handlungen ?? Wohl kaum !! Die Natur des Menschen ist Liebe und so sehnt sich doch ein jeder nur nach Liebe, meist ohne jedoch zu wissen, wie der kürzeste Weg in diesen Zustand des allgemeinen vollkommenen Liebens zu finden und gehen ist.
Jetzt kommt die eigentlich grosse Lebensaufgabe auf uns zu. Es ist leicht, andere körperlich oder vor Gericht zu besiegen, Länder zu überrollen und besetzen, ... u.s.w. Der grösste Sieg jedoch ist unser Sieg über unser Ego. Unsere Kampfbereitschaft, unsere Ängste, ... aufzulösen und der Fähigkeit zu lieben Platz zu machen.
Jetzt haben wir einen Zustand erreicht, der uns viel Energie sparen hilft. Energie, die wir zuvor dem Kampf gewidmet haben. Diese Energie wird jetzt frei und wir wenden uns in diesem Stadium der Bewusstseins-Entwicklung an die Quelle allen Seins und aller Liebe - an GOTT. Wir denken an GOTT und bitten um Hilfe, wann immer ein Objekt des Streits, der Angst, Trauer, Hilflosigkeit, ... in unser Bewusstsein - unser Leben - tritt. Wir bitten um Gnade, Liebe, Vergebung. Und unsere Bitten werden mit absoluter Gewissheit erhört. Wenn wir ehrlich bereit sind, alle Konflikte innerer und äusserer Natur in Liebe zu klären, dann strömt wie im unten stehenden Bild dargestellt, göttliche Liebe und Gnade in unsere Aura, in unser ganzheitliches Wesen.
Die Liebe GOTTES ist vergleichbar mit der Sonne auf der physischen Ebene. Unsere Probleme und Konflikte, die ihre Spuren in unserer Aura hinterlassen haben, sind vergleichbar mit verschiedenen irdischen Materialien. Die Sonne hat eine unvorstellbar hohe Temperatur, in der alle physischen Elemente und Legierungen augenblicklich verdampfen. Die Sonne hat eine sehr hohe Schwingung im Vergleich zur Erde. Deshalb ist sie in der Lage, alle irdischen Materialien in eine höhere Schwingung zu versetzen und somit in gewissem Sinne zu "dematerialisieren".
Das gleiche geschieht in uns selbst. Göttliche Liebe, zu der wir alle auf Grund unserer göttlichen Herkunft eine direkte Verbindung über unsere innewohnende Seele haben, hat eine extrem hohe Schwingung in Relation zu allen Schwingungen des Egos.
Wir stellen uns vor, dass wir unser ganzes Ego, unsere ganze Persönlichkeit vom Licht göttlicher Liebe erfüllen lassen. Alle Bereiche unserer Persönlichkeit, ebenso alle Bereiche früherer Inkarnationen, auch längst vergessene !!

Wir schenken einfach alles GOTT, der uns geschaffen. Wir sind ein Teil seiner Schöpfung, ebenso alle unsere Probleme und Prüfungen ein Teil seiner Schöpfung sind. Da wir nun ja gelernt haben, nur noch lieben zu wollen in allen Situationen, ergibt sich keinerlei Notwendigkeit, weiterhin mit lieblosen Situationen konfrontiert zu werden.
Stück um Stück, so wie uns die verschiedenen Situationen bewusst werden, hüllen wir diese Situationen, die ja nur als Strukturen in unserer eigenen Aura existieren, in das Licht göttlicher Liebe. Wie ein Laserstrahl mit immenser Kraft und Hitze trifft diese Liebe auf das Objekt, das wir in Liebe auflösen wollen. Es wird, gleich den irdischen Materialien in der Sonne, alles in seiner Schwingung erhöht und wieder in die Urform der Materie zurück verwandelt - in göttliche Liebe.
Wir wenden uns an GOTT und werden somit von seiner Liebe und seinem Heiligen Geist soweit erfüllt, bis wir selbst dazu geworden sind. Alles andere ist im Laufe dieser Entwicklung in Liebe aufgelöst.
Übrig bleibt eine im Feuer göttlicher Liebe gereinigte Seele, die auch vorübergehend in einem physischen Körper wohnend, immer noch in vollkommener Göttlichkeit erfüllt ist und in Liebe erstrahlt.

Es bedarf allergrösster und vollkommener Liebesbereitschaft, keinerlei Techniken im eigentlichen Sinne, sondern eine vollkommene Bereitschaft zu Lieben, mit GOTT eins zu sein, und alles auf vollkommen göttliche Weise in Liebe aufzulösen.
Jeder hat die Fähigkeit dazu, aber nur einige mögen die Veranlagung dazu haben, auf diese Weise spirituelle Fortschritte zu machen und Befreiung der Seele zu erlangen. Deswegen hat GOTT viele Wege geschaffen auf denen die unterschiedlichsten Seelen wieder ihren Weg nach Hause finden werden.
Möge das Feuer göttlicher Liebe in deiner Seele auch dir deinen Weg zeigen.
Der Beste Weg ist der, den du zu Ende gehst.

in aller stille - vers. sturz durch alle spiegel

Stiller

Ich bin nicht Stiller! – Tag für Tag, seit meiner Einlieferung in dieses Gefängnis, das noch zu beschreiben sein wird, sage ich es, schwöre ich es und fordere Whisky, ansonst ich jede weitere Aussage verweigere. Denn ohne Whisky, ich hab's ja erfahren, bin ich nicht ich selbst, sondern neige dazu, allen möglichen guten Einflüssen zu erliegen und eine Rolle zu spielen, die ihnen so passen möchte, aber nichts mit mir zu tun hat, und da es jetzt in meiner unsinnigen Lage (sie halten mich für einen verschollenen Bürger ihres Städtchens!) einzig und allein darum geht, mich nicht beschwatzen zu lassen und auf der Hut zu sein gegenüber allen ihren freundlichen Versuchen, mich in eine fremde Haut zu stecken, unbestechlich zu sein bis zur Grobheit, ich sage: da es jetzt einzig und allein darum geht, niemand anders zu sein als der Mensch, der ich in Wahrheit leider bin ...

So beginnt der Roman.
Ein Mann wird bei der Einreise in die Schweiz am Bahnhof verhaftet. Er war mit dem Schiff aus Mexiko gekommen und dann mit dem Zug über Paris weitergereist. Er heiße White, behauptet er. (Der amerikanische Pass, den er vorlegt – so stellt sich später heraus –, ist gefälscht.) Aber ein Mitreisender im Zug will in ihm den Schweizer Bildhauer Anatol Ludwig Stiller erkannt haben, der vor sechs Jahren seine lungenkranke Frau in einem Sanatorium in Davos zurückließ und spurlos verschwand. Damals war die Polizei einem sowjetischen Agenten namens Smyrnow auf der Spur, der die Ermordung eines Exkommunisten in der Schweiz vorbereitete. Die Ermittler fanden heraus, dass Smyrnow sich am 18. Januar 1946 in Zürich mit einem Helfer getroffen hatte, den man den "Schweizer" nannte, und als kurz darauf bekannt wurde, dass Stiller verschwunden war, geriet er in Verdacht, dieser einheimische Mittelsmann Smyrnows gewesen zu sein.
Meine Zelle ... ist klein wie alles in diesem Land, sauber, sodass man kaum atmen kann vor Hygiene, und beklemmend gerade dadurch, dass alles recht, angemessen und genügend ist. Nicht weniger und nicht mehr! ... Sogar die Gitterstäbe werden hierzulande abgestaubt.
Der Häftling, der versichert, nicht Stiller zu sein, beschwert sich bei seinem Verteidiger Dr. Bohnenblust über das Glockenläuten.
"Ich habe mich bemüht", sagt mein amtlicher Verteidiger, "Ihre hoffentlich kurze Zeit in der Untersuchungshaft so angenehm wie möglich zu gestalten – Whisky ist nicht gestattet! – Sie haben die beste Zelle im ganzen Haus, glauben Sie mir, nicht die größte, aber die einzige mit Morgensonne; Sie haben diesen Blick in die alten Kastanien. Was das Geläute vom Münster betrifft - es ist sehr laut, ich gebe es zu; aber was erwarten Sie denn von mir! Ich kann doch das Münster nicht anderswohin stellen!"
Der Verteidiger nennt den Häftling unbeirrt "Stiller"; nur der gutmütige Wachbeamte Knobel spricht ihn mit dem Namen "White" an und hört sich gebannt an, was dieser ihm erzählt. White behauptet, seine Frau ermordet zu haben, dann einen Direktor namens Schmitz im Dschungel auf Jamaika und schließlich den eifersüchtigen Mann einer Mulattin, die seine Geliebte war.
Mit Fakten aus Büchern, die er sich aus der Stadtbibliothek besorgt hat, versucht Dr. Bohnenblust die Aussagen seines Mandanten über dessen Leben in den USA und in Mexiko zu widerlegen. Ohnehin könne der Häftling die geschilderten Einzelheiten Büchern oder Medienberichten entnommen haben.
Wir leben in einem Zeitalter der Reproduktion. Das allermeiste in unserem persönlichen Weltbild haben wir nie mit eigenen Augen erfahren, genauer: wohl mit eigenen Augen, doch nicht an Ort und Stelle; wir sind Fernseher, Fernhörer, Fernwisser.
Bohnenblust holt Auskünfte ein und findet heraus, dass auf der angegebenen mexikanischen Hazienda nie ein Schweizer Staatsbürger beschäftigt war. "Bitte", sagt White, "da haben Sie es ja!" Er kann also nicht der gesuchte Stiller sein!
Als ihm der Verteidiger den Besuch von Julika Stiller-Tschudy ankündigt, Stillers Ehefrau, warnt ihn der Häftling:
"Herr Doktor", sage ich, "ich habe nichts gegen den Besuch von Damen, ich wiederhole nur meine Warnung von neulich: ich bin ein sinnlicher Mensch, hemmungslos, wie gesagt, vor allem in dieser Jahreszeit."
"Ich sagte es ihr."
"Und?"
"Die Dame besteht darauf", sagt er, "Sie unter vier Augen zu sprechen. Montag um zehn Uhr wird sie hier sein. Sie ist überzeugt, ihren Mann etwas besser zu kennen, als er sich selber kennt, und von Hemmunslosigkeit, meint die Dame, könne nicht die Rede sein, das sei von jeher ein Wunschtraum ihres Mannes gewesen, sagt die Dame und ist gewiss, allein mit Ihnen fertig zu werden."

Er findet Julika Stiller-Tschudy sehr attraktiv.
Ihre fixe Idee, dass ich ihr verschollener Mann sei, ist durchaus nicht gespielt.
Er bleibt aber dabei, nicht Stiller zu sein, und sie stöhnt über seine "Hirngespinste":
Sie dreht den Spieß einfach um – tut, als läge die fixe Idee bei mir.
Ein paar Tage später erscheint der Verteidiger triumphierend mit einem Familienalbum, das er von Stillers Bruder Wilfried erhalten hat, und der Angeklagte muss zugeben, dass zwischen ihm und diesem Stiller eine gewisse Ähnlichkeit besteht.
Nachdem Julika Stiller-Tschudy eine Kaution hinterlegt hat, darf der Untersuchungshäftling sie einmal pro Woche auf einem Spaziergang oder in ein Restaurant begleiten. Bei einem dieser Ausflüge bleibt er mitten auf einem Zebrastreifen stehen. Sie nimmt ihm am Arm, "verzagt wie über einen störrischen Esel", aber er möchte wissen, wo es Whisky gibt.
Schon schwirren die Motorroller links und rechts an uns vorbei, ein Taxi hupt mich an, dann überdröhnt uns ein Lastwagen mit Anhänger, und Julika ist bleich wie Kreide, obzwar wir nun wieder das grüne Licht haben. Ein fremder Fußgänger, dem ich nichts getan habe, beschimpft mich mit Ausdrücken moralischer Entrüstung, als wäre es in einem Land, das sich täglich seiner Freiheiten rühmt, nicht statthaft, das eigene Leben aufs Spiel zu setzen.
In Schreibheften, die man dem Häftling zur Verfügung stellt, soll er Auskunft über seinen Lebensweg geben. Er folgt der Aufforderung, argwöhnt jedoch, der Verteidiger hoffe, mit den Heften "sozusagen mein Leben in seine Aktenmappe stecken" zu können. Zum Zeitvertreib beginnt er seine Aufzeichnungen damit, sich aufgrund von Julikas Erzählungen ihr Leben mit Stiller vorzustellen.
Julikas Mutter war Ungarin, der Vater Gesandter in Budapest. Mit 18 wurde sie Waise. Fünf Jahre später lernte sie Stiller kennen. Der kam damals aus dem Spanischen Bürgerkrieg zurück, an dem er sich als Freiwilliger in den Internationalen Brigaden beteiligt hatte. Aufgrund eines Erlebnisses im Bürgerkrieg hielt er sich für einen Versager: Es war ihm unmöglich gewesen, drei Gegner zu erschießen, weil er sie plötzlich nicht als Feinde, sondern einfach als Menschen betrachtet hatte. (Später sagt jemand zu Stiller: "Aber vielleicht hast du dich als jemand bewähren wollen, der du gar nicht bist.") Julika war Balletttänzerin, ein unscheinbares, frigides Mädchen, das nur aufblühte, wenn es auf der Bühne tanzte.
Wie ein Meertier, das nur unter Wasser zu seinem Farbwunder gelangt, hatte auch Julika ihre geisterhafte Schönheit nur im Tanz, vor allem im Tanz; nachher war sie müde.
Julika und Stiller heirateten nach einem Jahr.
Sie brauchten einander von ihrer Angst her. Ob zu Recht oder Unrecht, jedenfalls hatte die schöne Julika eine heimliche Angst, keine Frau zu sein. Und auch Stiller, scheint es, stand damals unter einer steten Angst, in irgendeinem Sinn nicht zu genügen ...
Weil Stiller nur hin und wieder etwas von seinen Kunstwerken verkaufte, lebten sie im Wesentlichen von Julikas Gage. In dieser finanziellen Lage kamen Kinder für sie nicht in Frage. Stiller kümmerte sich rührend um seine Frau: Wenn während einer Ballettprobe das Wetter umschlug, wartete er am Bühnenausgang mit Schal, Mantel und Schirm auf sie. Aber er kam sich in ihrer Gegenwart immer vor "wie ein öliger, verschwitzter, stinkiger Fischer mit einer kristallenen Wasserfee".
Vor sieben Jahren hatte Stiller ein Verhältnis mit einer Frau namens Sibylle. Julika erkrankte an Tuberkulose und musste in ein Sanatorium in Davos. Ihr Mann besuchte sie dort nur dreimal. Beim letzten Besuch sagte er ihr, dass er sich von Sibylle getrennt habe. Sie dachten darüber nach, warum ihre Ehe gescheitert war. Stiller meinte:
"Eine gewöhnliche Geliebte zu haben, verstehst du, so ein gesundes und durchschnittliches Mädchen, das umarmt sein will und selber umarmen kann, nein, davor hatte ich Angst. Überhaupt war ich ja voll Angst! Ich machte dich zu meiner Bewährungsprobe. Und darum konnte ich dich auch nicht verlassen. Dich zum Blühen zu bringen, eine Aufgabe, die niemand sonst übernommen hatte, das war mein schlichter Wahnsinn. Dich zum Blühen zu bringen! Dafür machte ich mich verantwortlich – und dich machte ich krank, versteht sich, denn wozu solltest du gesund werden mit einem solchen Mann; die Angst, dass du an meiner Seite umglücklich würdest, fesselte mich ja stärker als irgendeine Art von Glück, die du zu geben hast." ...
"So also siehst du mich!", sagte Julika. "Du hast dir nun einmal ein Bildnis von mir gemacht, das merke ich schon, ein fertiges und endgültiges Bildnis, und damit Schluss. Anders als so, ich spüre es ja, willst du mich jetzt einfach nicht mehr sehen. ... Du sollst dir kein Bildnis machen! Jedes Bildnis ist eine Sünde. Es ist genau das Gegenteil von Liebe ... Wenn man einen Menschen liebt, so lässt man ihm doch jede Möglichkeit offen und ist trotz allen Erinnerungen einfach bereit, zu staunen, immer wieder zu staunen, wie anders er ist, wie verschiedenartig und nicht einfach so, nicht ein fertiges Bildnis, wie du es dir da machst von deiner Julika."
Stiller ließ seine Frau im Sanatorium zurück und verschwand. "Wahrscheinlich hat es den Mann, den sie sucht, gar nicht gegeben", räsoniert der Häftling.
Den Äußerungen des Staatsanwalts entnimmt der Häftling, dass es sich um den Ehemann von Stillers Geliebter handelt. Der jetzt 45-Jährige hat Stiller allerdings nie gesehen, nur einmal einen Anruf von ihm entgegengenommen.
Sibylle und Stiller lernten sich vor sieben Jahren auf einem Künstler-Maskenball kennen. Stiller war als "kreuzfideler Pierrot" verkleidet. Die damals 28-jährige Sibylle verliebte sich in ihn. Ihr Ehemann Rolf reagierte erstaunlich gelassen, als sie ihm gestand, ein Verhältnis zu haben. Er verdächtigte allerdings nicht Stiller – den er gar nicht kannte –, sondern den mit Sibylle etwa gleichaltrigen Architekten Willi Sturzenegger, der gerade ihr neues Haus baute. Auch als Sibylle ihm ankündigte, sie werde mit ihrem Geliebten für einige Zeit nach Paris gehen, meinte er ruhig, sie müsse tun, was sie für richtig halte. Sibylle begleitete Stiller dann doch nicht nach Paris. Stattdessen fuhr sie in eine Schweizer Klinik, um den von ihm gezeugten Fetus abzutreiben. In dieser Woche rief Stiller aus Paris an und wollte von Rolf wissen, wo Sibylle zu finden sei.
Er traf sich noch einmal mit Sibylle in Pontresina, um ihr zu berichten, er habe sich von seiner Frau getrennt. Aber danach sahen sie sich nicht mehr.
Sibylle reiste mit ihrem Sohn Hannes in die USA. Sturzenegger hatte inzwischen ein Architekturbüro in Kalifornien eröffnet und traf sich mit ihr in New York, weil er eine Sekretärin suchte. Aber Sibylle nahm eine Stelle in einem anderen Büro in New York an. Da tauchte Rolf dann eines Tages auf und holte sie zurück. Jetzt erwartet sie gerade eine Tochter.
Nach und nach besuchen frühere Freunde Stillers den Häftling, aber er kennt niemanden von ihnen. Schließlich kommt auch sein fünf Jahre jüngerer Bruder Wilfried. Der spricht von der vor vier Jahren gestorbenen Mutter.
Seine Mutter war ordentlich streng, scheint es, meine ja gar nicht. ... Es ist komisch, wie verschieden Mütter sein können!
Bei einem Lokaltermin in Stillers Atelier sind außer dem Angeklagten dessen Verteidiger, der Staatsanwalt, der Wachbeamte Knobel und Julika zugegen. Plötzlich wird Stillers seniler Stiefvater hereingeführt, den man für die Gegenüberstellung eigens aus dem Altersheim holte.
Ich rechne es Julika hoch an, dass sie in dem Augenblick, als man das Greislein aus dem Altersasyl hereinführt, wenigstens errötet wie eine Gattin, wenn die bestellten Irrenwärter mit der Zwangsjacke in die Wohnung kommen.
Stiller fällt kurz aus der Rolle: "Ich weine, als ich ihn erkenne." Dann aber leugnet er, den alten Mann zu kennen und fängt an, die Einrichtung des Ateliers zu zerschlagen und die Bronzebüsten aus dem Fenster zu werfen; sie poltern auf das Wellblechdach der Werkstatt darunter.
Bei der Gerichtsverhandlung wird er von dem Verdacht freigesprochen, mit Smyrnow in Kontakt gestanden zu sein, weil der Staatsanwalt nachweisen kann, dass Stiller am 18. Januar 1946 bereits bei einem tschechischen Bekannten in New York wohnte. Allerdings stellt das Gericht fest, dass es sich bei dem Angeklagten um niemand anderes als Anatol Ludwig Stiller handelt, und verurteilt ihn wegen einer Reihe nicht erfüllter Bürgerpflichten zur einer Geldstrafe (die sein Bruder bezahlt).
Stiller beendet seine Aufzeichnungen. Aus einem Nachwort des Staatsanwalts erfahren wir, dass Stiller sich mit seiner Frau Julika in ein heruntergekommenes Anwesen bei Glion zurückzog. Als Rolf das Paar dort nach einiger Zeit besuchte, verriet ihm Julika, dass ihr linker Lungenflügel entfernt werden müsse und nahm ihm das Versprechen ab, Stiller nichts davon zu sagen. Monate vergingen. Dann nützten Rolf und Sibylle die Gelegenheit einer Durchreise zu einem Besuch. Es war niemand zu Hause. Nach stundenlangem Warten erschien Stiller und entschuldigte sich, weil er den angekündigten Besuch vergessen hatte. Er kam aus einem Krankenhaus. Julika war gerade operiert worden. In der Nacht unterhielt sich Rolf mit dem stark betrunkenen Stiller.

"Diese Frau hat dich nie zu ihrer Lebensaufgabe gemacht. Nur du hast so etwas aus ihr gemacht, glaube ich, von allem Anfang an. Du als ihr Erlöser, ich sagte es schon, du wolltest es sein, der ihr das Leben gibt und die Freude. Du! In diesem Sinn hast du sie geliebt, gewiss, bis zum eignen Verbluten. Sie als dein Geschöpf."
Julika starb am nächsten Tag.

Mittwoch, September 1

Maria

Wer ist Maria Magdalena?

WARUM IST MARIA MAGDALENA IM MOMENT WIEDER SO AKTUELL?

Spätestens am 18. Mai werden alle von ihr sprechen. Dann kommt R. Howards Verfilmung von D. Browns Bestseller „Sakrileg“ („The Da Vinci Code“) ins Kino, mit T. Hanks und Audrey Tautou in den Hauptrollen. Die Grundthese des verschlungenen Krimi-Plots: Christus hatte eine Liebschaft mit Maria Magdalena und zeugte mit ihr ein Kind. Die Nachkommen Christi, seit Jahrhunderten im Geheimbund der „Prieuré de Sion“ versammelt, hüten das Geheimnis des Heiligen Grals. Schlüssel dazu sind versteckt auf Leonardo da Vincis berühmtem Gemälde „Mona Lisa“ und dem „Abendmahl“, auf dem einer der Jünger eigentlich eine Frau gewesen sein soll: Maria Magdalena.
Die These der Liebschaft zwischen Christus und Maria Magdalena ist nicht neu. Bücher und Filme des 20. Jahrhunderts haben sich mit Begeisterung auf diese Romanze gestürzt. Das Musical „Jesus Christ Superstar“ und Martin Scorseses Film „Die letzte Versuchung Christi“ malen die so unheilige Familie eindringlich aus. Allein in den vergangenenn Jahren sind ein gutes Dutzend Maria- Magdalena-Romane erschienen, angefangen mit Luise Rinsers „Mirjam“, über Marianne Frederikssons „Maria Magdalena“ bis hin zu historischen Romanen von Margaret George und Sachbüchern wie M. Baigents und R. Leighs „Der Heilige Gral und seine Erben“, die soeben einen Plagiatsprozess gegen „Sakrileg“-Autor D. Brown angestrengt und verloren haben.

WAS IST BEKANNT ÜBER DIESE MARIA?
Maria Magdalena wird in allen vier biblischen Testamenten erwähnt. Sie wird als Besessene geschildert, der Jesus den Teufel austreibt, und als eine der Frauen, die ihm folgen. In allen Evangelien ist sie bei der Kreuzigung dabei, und in allen ist sie es, der Christus am dritten Tag nach seinem Tod als Erste erscheint und die Botschaft an seine Jünger aufträgt (Joh 20, 11-18). Allerdings wird sie nie über den Namen eines Mannes identifiziert (Maria, Frau des …), sondern immer als „die Frau aus Magdala“, was für eine unverheiratete, eigenständige Frau spricht. Magdala, ein Fischerdorf am See Genezareth, war bekannt für seine Prostituierten – und eine Prostituierte, so folgert die christliche Überlieferung, sei auch die „Magdalenerin“ gewesen: Im Lukasevangelium (Lk 7, 26-50) ist die Rede von einer Sünderin, die Jesus im Haus von Simon dem Pharisäer die Füße salbt. Als die Jünger protestieren, entgegnet Jesus, diese Sünderin habe ihm mehr Liebe entgegengebracht als alle anderen Jünger. Diese Sünderin, so erklärte Papst Gregor der Große 591 in einer Predigt, sei Maria, die Frau aus Magdala, gewesen. Auch mit Maria von Bethanien, der Schwester von Martha und Lazarus, wird Maria Magdalena manchmal gleichgesetzt. Die katholische Kirche hat dem allerdings 1969 offiziell widersprochen.
Mittelalterliche Überlieferungen, vor allem durch die Heiligengeschichten der „Legenda aurea“ verbreitet, malen das Bild der Büßerin weiter aus: Maria Magdalena sei nach dem Tod Jesu in einem Boot ohne Steuerruder auf dem Mittelmeer ausgesetzt worden und nach Frankreich getrieben. Hier sei sie in Marseille gelandet und habe es sich zur Aufgabe gemacht, den Süden Frankreichs zu christianisieren. Nach einiger Zeit habe sie sich zur Buße in eine Höhle auf einem Berg nahe Marseille zurückgezogen und dort, nur von ihrem Haar bekleidet, dreißig Jahre gelebt und gefastet, bis sie schließlich in der Kirche von Aix-enProvence gestorben sei. Um ihre Gebeine ist in Frankreich im 13. Jahrhundert ein regelrechter Wettstreit entbrannt: Vézelay und Aix rühmen sich, Grabstätten zu sein; insgesamt sind fünf ganze Leichname sowie verschiedene Teile der Magdalenerin als Reliquien aufgetaucht.
Und auch ein Maria-Evangelium gibt es: 1945 taucht unweit des Dorfes Nag Hammadi in Ägypten ein umfangreicher Papyrusfund auf, mit einem Text, der eine Diskussion zwischen Maria Magdalena und den Jüngern nach der Auferstehung schildert. Ein anderer Text enthält ein Gespräch zwischen Christus und Maria Magdalena. Beide Texte erkennt die katholische Kirche nicht an.

WAS FÜR EIN MENSCH IST SIE?
Zunächst ist sie schön, wunderschön. Unzählige Maler haben sie gemalt: Tizian, Caravaggio, Rembrandt und Rubens, später die Präraffaeliten. Wallendes, lockiges, oft rotes Haar, funkelnde grüne Augen, weißes, verführerisches Fleisch, kaum vom Haar verhüllt. Maria Magdalena ist Luxus und Lüsternheit, ist Körperlichkeit, ist das Weib schlechthin. Schnell wird sie als Gegenbild zur keuschen Gottesmutter Maria aufgebaut: die schöne, reuige Sünderin. Im Barock wird sie zum Inbild der Vergänglichkeit alles Körperlichen, des Verfalls der Schönheit, oft begleitet von Totenschädel, Spiegel, Kerzen oder anderen Vanitas-Motiven. Nicht zuletzt war sie – wie Eva – ein Vorwand, eine nackte Frau auch in der christlichen Kunst zu zeigen.
Doch die Schriften, vor allem das 1945 entdeckte Maria-Evangelium, zeigen eine ganz andere Frau: eine Wortführerin unter den Jüngern, diejenige, mit der Christus seine Lehre teilt und diskutiert, seine Lieblingsjüngerin, vielleicht sogar zu seiner Nachfolgerin bestimmt. Eine selbstbewusste, kluge Frau, eine Intellektuelle. 39 der 46 Fragen, die Jesus in dem gnostischen Text „Pistis Sophia“ gestellt werden, stammen von Maria Magdalena. Petrus, der von Jesus als Kirchenhüter eingesetzt wird, streitet wiederholt mit ihr, fühlt sich zurückgesetzt in der Gunst des Herrn, zweifelt an ihren Worten. Doch als es gilt, das Grab des von Staats wegen hingerichteten Aufrührers und Gotteslästerers Jesus zu besuchen, ist es nicht Petrus, sondern Maria Magdalena, die sich traut. Schon Martin Luther urteilte: „Magdalena war viel beherzter als Petrus.“

WARUM KÄMPFT DIE KATHOLISCHE KIRCHE GEGEN MARIA MAGDALENA?
Gegen D. Browns „Da Vinci Code“ fährt die katholische Kirche alle Geschütze auf, nicht nur, weil die Kirchenorganisation Opus Dei in dem Buch denkbar schlecht wegkommt. Die orthodoxe Kirche ruft derzeit sogar zu einem Boykott von Film und Buch auf.
Doch es ist nicht der weltweite Erfolg, es ist vor allem die Geschichte mit Maria Magdalena und ihrer großen Beliebtheit, die die katholische Kirche stört – nicht erst seit D. Brown. Ihre Rolle und Bedeutung rütteln an den Grundfesten der katholischen Lehre. Wäre sie wirklich, wie im Maria-Evangelium geschildert, eine wortführende Jüngerin Christi gewesen, müssten in ihrer Nachfolge Frauen einen gewichtigeren Platz in der Kirche einnehmen, auch als Priesterinnen. Die Frau, die sich mit Petrus, dem ersten Papst, so leidenschaftlich streitet, wäre dann die Gegenpäpstin.