Wer die Wahrheit sucht, wird sie nicht finden.
Wer sie findet, wird verstört sein.
Wer verstört ist, wird staunen.
Wer staunt, wird die Wahrheit in seinem Herzen entdecken und
schließlich wahrhaftig in sich ruhender Mensch im All werden.
Satyam. Bedeutet Satyam Wahrhaftigkeit? Wahrhaftigkeit. Bei der Stelle im dem Thomas-Evangelium in den Neutestamentlichen Apokryphen heißt es : “Wer die Wahrheit sucht, wird sie nicht finden”, “Der, der sucht, soll nicht aufhören zu suchen, bis er findet.”
Weiter lautet die Stelle: “Und wenn er gefunden hat, wird er bestürzt sein, und wenn er bestürzt ist, wird er verwundert sein, und er wird über das All herrschen.” Es gibt einen Verweis auf das Hebräerevanglium. In einem seiner sogenannten Bruchstücke heißt es dort ganz ähnlich und noch genauer: “Wer staunt, wird zur Herrschaft gelangen; und wer zur Herrschaft gelangt ist, wird ruhen.” Ein weiteres Bruchstück, ebenfalls aus dem Hebräerevangelium: “Nicht ruhen wird, wer sucht, bis daß er findet; wer aber gefunden hat, wird staunen, wer aber erstaunt ist, wird zur Herrschaft gelangen; wer aber zur Herrschaft gelangt ist, wird ruhen.” “Wer staunt, wird die Wahrheit in seinem Herzen entdecken.”
SATAYGRAHA
Im Mittelpunkt des Lebens und Denkens Gandhis steht die Suche nach Wahrheit. Sataygraha nennt Gandhi seinen gewaltlosen Widerstand. Das Wort SATAYGRAHA aber bedeutet im Sanskrit "festhalten an der Wahrheit, Wahrheit ergreifen".
Wahrheit bedeutet hier etwas anderes als in der modernen Wissenschaft und Logik, die Wahrheit primär formal als Übereinstimmung von Zeichen und Bezeichnetem und als folgerichtige Verknüpfung von Aussagen verstehen.
Gandhi versteht Wahrheit entsprechend dem ursprünglichen Sinn des Sanskritwortes substantiell. Wahrheit heißt im Sanskrit SATYAM. Abgeleitet ist dieses Wort von SAT, das wörtlich bedeutet "das, was existiert". Wahr ist also das, was wirklich ist, das, was die Grundlage allen Seins ist. Dem gegenüber steht das, was sich nur als wahr ausgibt.
Im Unterschied zu anderen Begriffen, so sagt Gandhi, habe er für das Wort WAHRHEIT "niemals mehr als eine Bedeutung" gefunden. Und Wahrheit sei auch das, was Atheisten niemals bestritten hätten, sondern leidenschaftlich suchten. "Diese Gedanken", so fährt Gandhi fort, "waren für mich der Anlaß, den Satz 'Gott ist Wahrheit' durch den Satz 'Die Wahrheit ist Gott' zu ersetzen." Diese Gleichsetzung von WAHRHEIT und GOTT begründet er damit, daß in der Hinduphilosophie gesagt wird, Gott existiere allein. Da nun die Grundbedeutung des Sanskritwortes für Wahrheit (Satyam) das bezeichnet, was existiert, liegt jene Identifizierung von WAHRHEIT und GOTT durchaus nahe. Im Islamischen Gottes- und Wahrheitsverständnis sieht er den gleichen Sachverhalt vorliegen. Die tiefe religiöse Verankerung dessen, was Gandhi als SATYAGRAHA bezeichnet wird damit deutlich. Ebenso deutlich wird, daß der Begriff SATYAGRAHA nur unzureichend mit Begriffen wie "passiver Widerstand", "bürgerlicher Ungehorsam" oder auch "gewaltloser Widerstand" übersetzt werden kann. Denn diese Begriffe assozieren eine bestimmte Aktionsform, nicht aber die religiösphilosophische Verwurzelung dieser Aktionsformen in der Wahrheit.
