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Donnerstag, Juli 15

wunschLos

Was Nacht ist für alle anderen Wesen, ist Wachheit für den Selbstherrschten (die Beziehung zu Gott). Und wenn die anderen Wesen wachen, ist dies Nacht für den nach innen gekehrten Weisen (das ständig vorbeiziehende weltliche Glück). So wie ein Lotosblatt nie von Wasser benetzt wird obwohl es von Wasser umgeben ist, so wird der Weise nie von den vorbeiziehenden Objekten der Sinneswelt angezogen, auch wenn er im Kontakt mit ihnen ist. Selbstverwirklichung ist eine ganz andere Perspektive, eine andere Sichtweise der gleichen Schöpfung. Was weltliche Menschen als wirklich empfinden – den Körper, irdische Beschäftigungen, Vergnügen, Schmerz, Krankheit, anziehende Sinnesreize – erkennt der Weise als substanzlos. Und was er als essenziell wirklich erfasst – die Gemütsruhe, das Sein als Seele, die Beziehung, die die Seele zur Höchsten Seele hat, die Liebe in diesem Austausch – halten die Unerleuchteten für wertlos.
Man kann hier den Weltmenschenals für einen in der Realität schlafenden vergleichen. Der selbstverwirklichte Weise hat völliges Disinteresse an dem Leben der Oberfläche.
Für den Sehenden ist die das Geschehen in der Welt dunkel wie die Nacht. Wie lebt er dann in ihr? 

Das Wasser aus vielen Flüssen fliesst beständig ins Meer, welches aber ungestört bleibt und nie überquillt. In vergleichbarer Weise fliessen Wünsche, Genüsse und Hoffnungen beständig ins Gemüt des Weisen, welcher aber davon unberührt bleibt. In dieser inneren Ausgeglichenheit erlangt man Frieden und nicht dadurch, dass man danach trachtet, die Wünsche zu befriedigen (die Wünsche nicht wünscht).
„kamakami“ ist der Mensch, der ein Wünschender von Wünschen ist. Es ist nicht so, dass man von allen Verlangen und Wünschen frei werden soll, sondern nur vom Verlangen nach Verlangen. Die Wünsche kommen einfach. Wer sich aber auf sie einlässt und sie zu befriedigen sucht, wird durcheinander gewirbelt.
Die Erfüllung eines Wunsches wird sofort einen weiteren neuen Wunsch nach sich ziehen.

Man beschäftige sich mit positiven Affirmationen: ich wünsche mir, dass ich bald den Traumpartner meines Lebens finde... Siehe da, nach zwei Monaten trifft es ein..
Aber nun gehe ich noch einmal zwei Monate weiter: Ganz unbemerkt, ohne dass es mir aufgefallen wäre, ist aus der Erfüllung dieses einen Wunsches bereits die Unerfüllung eines nächst anstehenden Wunsches geworden. Das habe ich gar nicht bemerkt. Ich habe meine Unzufriedenheit nur verlagert.
So arbeiten die unendlichen Ketten von unerfüllten Wünschen, die nichts anderes tun, als sich - in dem Moment, wo ein Wunsch aus dieser unerfüllten Kette scheinbar erfüllt wird - auf eine andere Ebene verlagern.
Diesem Spiel der unerfüllten Wünsche bin ich lange aufgesessen... Wenige durchschauen dieses Spiel - es ist das Spiel der Versuchung.
Man betrügt sich selber um die Freiheit, die einem zustünde.
Man leidet an der Unerfülltheit seiner eigenen Wünsche. Das ist doch umso erstaunlicher, als dass der unerfüllte Wunsch ja schliesslich vorgibt, aus dem Leiden herauszuführen, nämlich dann, wenn er erfüllt wird. Merkwürdigerweise jedoch passiert das nicht, jedenfalls nicht vollkommen und beständig. Da es nicht vollkommen und beständig geschieht liegt es an mir und meiner Konsequenz, diesen Wunsch aufzugeben oder ihn künstlich aufrechtzuerhalten, was eben fast alle Menschen tun, weil sie nicht wahrhaben wollen, dass dieser Wunsch nicht zum Ziel führt und niemals dorthin führen wird. Man will die Tatsache nicht zulassen, dass im Loslassen des Wunsches mehr Freude inneruht als in seiner Erfüllung.
Man will nun wachsam sein und den Moment klar erkennen, in dem ein unerfüllter Wunsch im Bewusstsein auftaucht. Dann erkennt man, dass er Agitation verursacht. Nicht nur später, sondern bereits in dem Moment, in dem ich diesen Wunsch berühre und als den meinen betrachte.
Jeder unerfüllte Wunsch ist der Wunsch zu leiden.
Wenn ich das wahrnehme, fragt man sich, ob man weiter bereit ist, diese Wünsche zu berühren. Es ist so, als wenn der denkende Geist mir einen Samen des Unfriedens einpflanzt und mir immer wieder weismacht, dass ich kein Recht hätte, in vollkommenem Frieden zu sein.
Man bemerkt dieses kindliche, trotzige Festhalten an unerfüllten Wünschen: "In Wirklichkeit besteht doch noch ein kleines Fünkchen Hoffnung."
Man hält immer irgendwo noch eine kleine Schublade geheim, für alle Fälle sozusagen. Es verlangt Radikalität von mir, denn ich habe, so wie alle, die Tendenz, mir noch diese kleinen Ecken zu reservieren, wo sich der Staub sammelt, wo niemand gerne hinschaut, die von der Aufmerksamkeit dezent übergangen werden. Genau darin steckt die Notreserve des Leidens.
Wenn ich den falschen Glauben an diese Notreserve klar erkenne, braucht es nur ein Minimum an Selbstrespekt, Konsequenzen zu ziehen.
"Mehr Begehren schafft mehr Leid"
Die meisten Menschen definieren Glück als Befriedigung ihrer Begehren, Erfüllung ihrer Wünsche.
Demgemäss der sutren gibt es fünf Arten von Begehren:

- Nach weltlichem Besitz

- nach Schönheit

- Ehrgeiz

- Genuss am Essen

- Träge zu sein


Diese Begehren sind grenzenlos, während unsere Fähigkeit, sie zu erfüllen, begrenzt ist. Unerfüllte Begehren in sich zu tragen, ist deshalb immer Leid.
Wenn Begehren nur teilweise erfüllt sind, streben wir weiterhin nach ihrer vollständigen Erfüllung und legen so den Grund für weiteres Leiden.
Uns selbst wenn ein Begehren erfüllt ist, leiden wir, wenn es nicht weiterhin ständig erfüllt wird. Und wenn die Erfüllung einmal ein wenig bestehen bleiben sollte, so richtet sich das Begehren auf einen neuen unerfüllten Wunsch.
Erst wenn wir erschöpft sind durch dieses unablässige Streben, erkennen wir langsam, in welchem Ausmass wir im unersättlichen Netz unserer Begehren gefangen sind. Hier, an diesem Punkt, wird Heilige Sehnsucht geboren.
Dann erkennen wir, dass wirkliches Glück eigentlich ein friedvoller Zustand des Geistes ist, der ja gerade durch das Begehren und dem Kampf gegenüber den Dingen, die meinen Begehren im Wege stehen, verunmöglicht wird, da genau dieses Begehren und das Hassen (sich dagegenstämmen) den Geist agitieren, ihn unruhig machen und somit Leiden erzeugen. Das Vergängliche kann dem Ewigen nie Erfüllung und Freude geben. Jemand, der die Wünsche nach Sinnesbefriedigung aufgegeben hat, der frei von Hoffnungen danach ist, der allen Anspruch auf Besitz aufgegeben (Selbstsucht, Mein-Gefühl) hat und frei von falschem Ich ist (Eitelkeit, Ich-Gefühl innerhalb des Vergänglichen) – er allein kann wirklichen Frieden erlangen.